Seit Beginn der Pandemie zieht sie mit ihren Studien über Sex und Liebe die Neugier von in- und ausländischen Medien an: Barbara Rothmüller. Die Soziologin und Sexualpädagogin hat mittlerweile sogar eine eigene Kolumne in der „Kronen Zeitung”. Ihre neueste, im Herbst 2020 durchgeführte Befragung, widmet sich dem Thema „Intimität, Sexualität und Solidarität”. Mosaik-Redakteurinnen Sonja Luksik und Franziska Wallner sprachen mit ihr über Lust, Dating und Diskriminierung in Corona-Zeiten.

In unserem letzten Interview im Juli haben wir über sexuelles Begehren gesprochen. Was hat sich seither verändert? 

Der zweite Lockdown hat bei mehr Befragten zu einem Rückgang sexuellen Begehrens geführt als der erste. Man muss allerdings dazu sagen, dass noch immer der Großteil der Studienteilnehmer*innen relativ viel Lust auf Sex mit einer anderen Person hatte. Noch mehr Menschen haben sich allerdings nach körperlicher Nähe und Umarmungen gesehnt. 

Und wie sieht es mit sexuellen Praktiken aus?

Es ist teilweise zu einer Veränderung der sexuellen Kultur gekommen. Kollektive sexuelle Räume und Praktiken, aber auch unverbindliches Dating, sind aktuell delegitimiert. Kaum jemand hat im Herbst angegeben, Sex mit einer fremden Person gehabt zu haben, vielleicht auch weil sich einige Befragte über den Sommer neu verliebt oder aus einer unverbindlichen sexuellen Beziehung eine verbindliche Partnerschaft gemacht haben.

Ein Viertel lebt Sexualität auch digital vermittelt, versendet zum Beispiel Nacktfotos. Als Sexualpädagogin finde ich interessant, dass relativ viele Befragte im ersten und zweiten Lockdown über sexuelle Fantasien gesprochen und diese auch ausprobiert haben.

Wie datet Österreich in der Pandemie?

Jedenfalls nur zwölf Prozent so wie im Sommer. Bei den anderen haben sich Dating-Routinen deutlich verschoben. Manche meiner Studienteilnehmer*innen haben Dating genutzt, um eher ihr emotionales Bedürfnis nach Kontakten abzudecken. Andere haben pausiert oder sich Zeit genommen, um stärker auszuwählen.

Vor dem breiten Zugang zu Tests haben sehr viele erste Dates mit Maske oder im Freien beim Spazierengehen gehabt. Mit dem Testen haben jetzt viele eine gute Möglichkeit gefunden, um den Rechtfertigungsdruck ein bisschen rauszunehmen. 

Auf die Frage „Wie lange ist deine letzte Umarmung her?” haben vor allem Singles geantwortet: „Länger als drei Monate”. Hat dich das überrascht?

Das Ausmaß hat mich schon überrascht. Vor allem, weil mediale Darstellung und Realität so weit auseinanderliegen. Im Sommer haben Bilder von Jugendlichen am Donaukanal den Eindruck erweckt, dass eh alles wieder normal ist.

Viele haben aber nach wie vor Nähe als gefährlich erlebt und weiterhin körperliche Distanz gewahrt. Und dann sind viele Singles mit einem massiven „Hauthunger” in den Lockdown-Herbst gestartet. Nur etwa ein Fünftel davon hat für sich Wege gefunden, diesen Mangel an Nähe auszugleichen.

Und welcher „Berührungs-Ersatz” wurde genannt? 

Viele Menschen haben mehr mit ihren Kindern, Haustieren oder mit einer Wärmeflasche gekuschelt. Einige machen Sport, massieren sich selbst, masturbieren, meditieren, nehmen ein Bad oder tun andere körperliche Dinge, die sich gut anfühlen. 

Neben dem Wegfall von Berührungen hat mich auch betroffen gemacht, dass sehr viele Befragte es zulassen bzw. zulassen müssen, dass ihr Gefühl für Nähe und Distanz verletzt wird und sie sich beispielsweise umarmen lassen, damit kein Konflikt entsteht. Das sind ja Grenzverletzungen, wenn ich jemandem näher komme, als es der Person angenehm ist. Sowas bedroht die körperliche Integrität und ist offenbar aber nicht konfliktfrei auszuhandeln.

Die Studie widmet sich auch dem Thema Solidarität und Ent-Solidarisierung. Auf welche Ergebnisse bist du da gestoßen?

Vor einem Jahr gab es noch ein ganz starkes Verbundenheitsgefühl in der Bevölkerung. Im Sinne von: Diese Katastrophe betrifft uns alle. Im Herbst-Lockdown sind solidarische Praktiken zurückgegangen, aber nicht komplett weggebrochen. Das Gemeinschaftsgefühl nehmen viele jedoch nicht mehr so stark wahr wie zu Beginn der Pandemie. Die Hälfte meiner Befragten dachte bereits im Herbst, dass die Pandemie dazu führt, dass sich die Menschen nur mehr um sich selbst kümmern.

Diese Ent-Solidarisierung hängt aus meiner Sicht auch damit zusammen, dass sich die Menschen aus sozialen Kontakten zurückgezogen und über die Pandemie-Maßnahmen zerstritten haben. Erstaunlich viele Befragte haben deswegen Beziehungen zu Freund*innen, Bekannten, aber auch Arbeitskolleg*innen abgebrochen. Da entstehen gerade neue Formen der sozialen Klassifizierung und Distinktion entlang von Verhalten und Meinungen. 

Die unterschiedlichen Einstellungen zu den Corona-Maßnahmen sind also der Grund dafür, dass der Kontakt zu Familienmitgliedern und langjährigen Freund*innen abgebrochen wird?

Ja, auch. Es geht um unterschiedliche Erwartungen, wie sich Menschen in so einer Krisenzeit zu verhalten haben. Leute, die alles für total übertrieben halten, werden nicht ständig ihre Freund*innen durchtelefonieren und fragen: „Ist alles okay, geht’s dir eh gut? Kann ich was für dich tun?”. Aber viele erleben die Pandemie als dramatische Gesundheitskrise und große psychosoziale Belastungt. Die sind teilweise enttäuscht, dass sich Bezugspersonen in der Krisenzeit nicht um sie gekümmert haben. Viele haben auch angegeben, dass sie den Kontakt verloren haben, weil ihnen Telefonate und Video-Calls zu mühsam sind.

Gleichzeitig findet eine gesellschaftliche Ausgrenzung bestimmter Lebensstile statt. Die moralische Verurteilung von Partys, Disziplinlosigkeit oder sexuell freizügigen Lebensentwürfen kannte man ja bisher vor allem von Konservativen. Jetzt ist das aber auf einmal auch in „progressiven Kreisen” angekommen, wie meine Befragten es nennen.

Im Windschatten dieser Verschiebungen gewinnen Paar-Beziehungen unhinterfragt an Legitimität. Und tatsächlich haben eine neue Häuslichkeit und romantische Paarbeziehungen viele Menschen gut durch die Krise getragen. Aber nicht alle führen ein solches Leben. Und Lebensstile haben immer auch soziale Voraussetzungen.

In der Studie hast du Vermeidungsverhalten untersucht. Wer wurde von wem gemieden – und warum?

40% meiner Befragten haben angegeben, dass sie wissen, bei wem sie sich wahrscheinlich anstecken können und deshalb auch, vor welchen Bevölkerungsgruppen sie sich besonders schützen möchten. Die meisten halten sich von Corona-Leugner*innen und Personen, die Party machen und sich nicht an die Maßnahmen halten, fern. Viele meiden auch Kinder und Jugendliche – das hat mich sehr betroffen gemacht, weil die ohnehin am meisten Ängste und Schuldgefühle haben, dass sie jemand anstecken könnten. Überhaupt wurde die Belastung von Jugendlichen lange heruntergespielt. Und das trifft dann natürlich auch Menschen, die mit Kindern zu tun haben – z.B. Eltern.

Berufsgruppen, die Kontakt zu Infizierten haben könnten, wurden auch häufig genannt. Viele halten sich von Obdachlosen und Suchtkranken fern. Einige haben auch „Bildungsferne, die in Einkaufszentren gehen”, „ungepflegte Personen“ oder „dumme Menschen“ geantwortet. 

Mir ist wichtig zu betonen: Es gibt bestimmte Bevölkerungsgruppen, die statistisch ein höheres Ansteckungsrisiko haben – zum Beispiel aufgrund ihrer Berufe. Aber im individuellen Kontakt kann man das nicht vorhersehen.

Haben die Befragten angegeben, ob sie merken, dass andere sie meiden?

Ja. Vor allem Berufsgruppen, die mit Menschen arbeiten, haben das im privaten Umfeld erlebt. Beispielsweise wenn jemand demonstrativ Abstand hält, obwohl es gar nicht notwendig ist – vor allem wenn man bedenkt, wie oft diese Berufsgruppen getestet werden.

Du hast ja auch Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen untersucht. Das Ergebnis war, dass sie vor allem von LGBTQ+-Personen gemacht werden. Wo und wie erleben sie diese?

Personen, die polyamore und unverbindliche (Sex-)Beziehungen haben, berichteten von Ausgrenzung. Sie müssen sich auf einmal rechtfertigen – oder treffen nur mehr eine Person.

Weiters erlebten einige Homofeindlichkeit im öffentlichen Raum. Zum Beispiel wurde schwulen und lesbischen Paaren nicht geglaubt, dass sie ein Paar sind. Sie mussten mehrfach rechtfertigen, dass sie Bezugspersonen sind – unter anderem vor der Polizei.

Transfeindlichkeit ist auch ein großes Thema. Das war die Gruppe von Befragten, die am schwersten belastet war, was übrigens auch vor der Pandemie schon zahlreiche Studien gezeigt haben. Es war auch die Gruppe, die am wenigsten das Gefühl hatte, dass sie mit ihren Partner*innen unbehelligt im öffentlichen Raum Händchenhalten kann. Viele Leute haben gar nicht so am Schirm, dass Alltagsdiskriminierung auch in der Pandemie stattfindet und in der Öffentlichkeit spazieren zu gehen eben nicht für alle unbeschwert möglich ist. 

Welche Rolle spielen queere Communities in der Pandemie?

Die Community-Kontakte von LGBTQ+ sind sehr stark eingebrochen. Damit fällt eine wichtige Möglichkeit der psychosozialen Unterstützung weg. LGBTQ+ hatten auch doppelt so häufig Angst, dass sie Vertrauenspersonen verlieren, und fühlen sich häufiger einsam und isoliert.

All das, obwohl LGBTQ+ Befragte häufiger auch gesellschaftspolitisch engagiert waren als heterosexuelle Befragte. Generell wurden in sehr hohem Ausmaß Personen unterstützt, die von der Pandemie betroffen waren und Hilfe brauchten: 62% der LGBTQ+ Befragten unterstützten betroffene Bekannte durch Gespräche, 13% durch finanzielle Unterstützungsleistungen.

Aber einige sind auch schon im Herbst vom Unterstützungsbedarf innerhalb der Community überfordert gewesen. Von den neuen Erwartungen an psychosoziale Unterstützung und Solidarität im Freundeskreis waren 15% der LGBTQ+ Befragten sehr stark gefordert oder sogar überfordert – doppelt so viele wie bei heterosexuellen Befragten.

Neben Barbara Rothmüller arbeiten Emelie Rack, Laura Wiesböck, Sophie König und Anna Maria Diem am Forschungsprojekt mit.

Interview: Sonja Luksik und Franziska Wallner

Die Ausgangsbeschränkungen haben unseren Alltag komplett auf den Kopf gestellt und auch unser Sex- und Beziehungsleben verändert. Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller hat mit ihrer Studie „Liebe, Intimität und Sexualität in der Pandemie“ einiges an Medienrummel erzeugt. Sonja Luksik und Franziska Wallner haben sie zum Gespräch gebeten und ihrer Neugierde freien Lauf gelassen. Entstanden ist ein Interview über Sex, Dating, Selbstdisziplinierung, aber auch Solidarität.

In deiner Studie geben viele Paare an, dass es ihnen während der Ausgangsbeschränkungen gut gegangen ist. Ist unsere auf verbindliche Paarbeziehungen ausgelegte Gesellschaft besonders gut gegen Krisen gewappnet?

So einfach ist es nicht. Die entscheidende Rolle spielt die Qualität dieser Paarbeziehungen. Es ging vielen Zweier-Beziehungen sehr gut in der Pandemie, viele haben den „Lockdown“ sogar genossen. Aber eben nicht alle. Es kam auch zu Konflikten und Gewalt.

Die Krisenbearbeitung der Politik war auf ein neo-biedermeierliches Familienmodell ausgelegt. Nicht nur auf die Zweier-Beziehung, sondern auf die Zweier-Beziehung, die in einem Haushalt lebt. Das ist gar nicht so selbstverständlich, denn viele Paare wohnen in getrennten Haushalten.

Wie hat sich die Pandemie auf unser Sexleben ausgewirkt?

Stresssituationen verändern das sexuelle Begehren. Bei vielen sank die Lust, jede fünfte Person hatte aber mehr Lust auf Sex, sowohl mit einem/einer Partner*in als auch mit sich selbst. Einige haben sich angeregt gefühlt, neue Dinge auszuprobieren, etwa wie man körperliche Intimität digital vermittelt leben kann.

Viele Menschen mit Kindern im Haushalt waren sehr gestresst und hatten deshalb weniger Zeit für körperliche Intimität. Für Singles und Menschen mit unverbindlichen sexuellen Beziehungen war es ganz schwierig. Denn intime Kontakte zu knüpfen oder auch mit mehreren Leuten Sex zu haben war in der Pandemie nur schwer möglich.

Wie hat Dating stattgefunden?

Am Anfang haben die Medien behauptet, dass jetzt alle viel mehr online daten. Diese selektiven Ergebnisse kamen aber von Dating-Apps und stimmen so nicht.

Zu Beginn der Krise hat das gestimmt, weil viele noch schnell den/die „Corona-Partner*in“ finden wollten. Einige haben auch kurz vor Corona jemanden kennengelernt, mit dem sie es dann verbindlicher gestaltet haben oder zusammengezogen sind. Für die meisten hat das aber nicht so gut funktioniert. Sie haben ihr Dating eingestellt.

In deiner Studie geben erstaunlich viele Leute an, dass sie erleichtert sind, nicht dem ganzen Stress rund um Sex, Intimität und Beziehungen ausgesetzt zu sein. Ist das nicht bezeichnend dafür, dass etwas in unserer Gesellschaft falsch läuft?

Ja! Und dass die Leute auch so viel Alltagsstress haben, dass sie erleichtert sind, wenn der wegfällt. Also Freizeitstress und private Treffen, zu denen man eh nicht gehen will.

Wie hat denn Corona unsere sozialen Beziehungen verändert?

Viele haben beschrieben, dass sie ein ganz anderes Empfinden von Nähe und Distanz entwickelt haben. Also wenn sie Filme schauen, dann haben sie zum Beispiel den Eindruck, dass sich die Schauspieler*innen viel zu nahekommen. Die Teilnehmer*innen meiner Studie haben also sehr schnell verinnerlicht, dass Nähe gefährlich ist. Das bleibt jetzt wahrscheinlich eine Zeit lang so.

Dabei sind körperliche Nähe und Berührungen sehr wichtig. Diese Nähe haben viele Leute sehr schmerzhaft vermisst, Singles und Alleinlebende natürlich ganz besonders.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen braucht es, damit Alleinlebende und Singles in solchen Krisen besser aufgefangen werden?

Man könnte zum Beispiel allen Leuten nahelegen, ihre Kontakte auf eine kleine Gruppe an Personen einzuschränken, unabhängig vom Haushalt. So quasi: Jede*r kann privat fünf Leute treffen oder sonst irgendwie „Corona-Bezugsgruppen“ bilden, die aufeinander schauen.

Für viele war die Aufforderung, gar keine Menschen mehr zu treffen außer Haushaltsmitglieder eine Zumutung. Was ist, wenn ich keine Haushaltsmitglieder habe? Was ist, wenn meine Haushaltsmitglieder psychische Gewalt ausüben? Das war bei jede*r zehnten befragten Person der Fall.

Für manche war es sehr einfach, sich an die Regeln zu halten, während es für andere massive soziale Isolation bedeutet hat. Insbesondere junge Menschen waren sehr stark belastet, besorgt und einsam. Sie fanden ihr Sozialleben trostlos und hatten Angst, dass ihre intimen Beziehungen und der Alltag auseinanderbrechen. Das muss man ernst nehmen.

Daher sollte man gesellschaftlich abwägen, wie sehr man bei bestimmten Maßnahmen Druck macht. Teilweise wird da auch zynisch argumentiert: Die Leute müssen Angst haben, damit sie die Maßnahmen befolgen. In meiner Studie sehe ich, dass fast alle die Maßnahmen sehr streng befolgt haben. Aber manche Menschen hat das massiv verunsichert. Kontakte zu reduzieren und wochenlange Selbstisolation, das sind einfach zwei Paar Schuhe.

Welche Rolle haben Unterstützungsnetzwerke gespielt?

Die Leute waren sehr solidarisch. Zum Beispiel bei queeren Communities konnte man sehen, dass die aus sehr tragfähigen Beziehungen bestehen, die auch in Krisenzeiten stützen. Viele haben Veranstaltungen und Treffen in den virtuellen Raum verlagert. Es gab sozusagen eine kollektive Bewältigungsstrategie.

Von vielen wurde aber auch ganz praktische Nachbarschaftshilfe geleistet. Ich war überrascht, dass so viele Menschen neue Leute kennengelernt haben, wodurch sich das Unterstützungsnetzwerk auf einmal erweitert hat. Das ist sehr eindrucksvoll.

Parallel dazu hat die Krise eine Menge Nachteile gebracht und viele Bevölkerungsgruppen wurden in der Krise vergessen. Das darf man nicht ausblenden.

Angenommen, es kommt wieder zu einem Lockdown: Wie könnte man soziale Isolation abfedern?

Ich finde, man sollte weniger moralisch appellieren, dass die Menschen individuell die richtigen Entscheidungen treffen müssen. Stattdessen sollte man für die sozialen Bedingungen sorgen, damit alle gut durch die Zeit der Kontaktbeschränkung kommen.

Was sind eigentlich die psychischen und sozialen Voraussetzungen, damit man das aushält? Es soll verhältnismäßig bleiben und man kann nicht erwarten, dass Menschen wochenlang niemanden treffen. Da hat man sich nur um die körperliche Gesundheit gekümmert und vergessen, dass auch die Psyche mit dem Körper zusammenhängt. Das hat massive psychosoziale Folgen, für die man soziale Verantwortung übernehmen muss, im persönlichen Bekanntenkreis und auch als Gesellschaft. Für manche Menschen sind solche Situationen sehr belastend und bedeuten starke Lebensumstellungen. Auch den Verlust von Sozialkontakten, von Sexkontakten, der liebsten Freizeitaktivitäten, vielleicht auch von Lebensplänen, das sollte man nicht bagatellisieren.

Die realistischere Frage ist also: Wie kann man sein Leben lustvoll und risikoarm leben? Risikoarm bedeutet etwas anderes als niemanden mehr zu treffen. Gerade Leuten, die alleine leben, muss man das zugestehen – und sich ihnen vielleicht auch als Bezugsperson im nächsten Lockdown anbieten.

Nach der Diskussion um den christlich-konservativen Verein TeenSTAR wollen ÖVP und FPÖ auch alle anderen Vereine aus dem Sexualkundeunterricht an Schulen verbannen. Barbara Rothmüller warnt vor diesen Plänen und zeigt auf, warum es qualitätsvolle Sexualpädagogik braucht.

Sebastian Kurz will es religiösen Hardlinern recht machen. Noch vor seinem Auftritt bei „Awakening Europe“ brachte die ÖVP gemeinsam mit der FPÖ einen Entschließungsantrag im Parlament ein. Externe Vereine sollen keine sexualpädagogische Arbeit mehr an Schulen leisten dürfen. Die Lehrkräfte selbst müssen das in Zukunft übernehmen. Das bedeutet einen Verlust an sexualpädagogischer Expertise und jahrzehntelangem Praxiswissen sowie einen Einschnitt in die Schulautonomie. Denn Schulen konnten bisher selbst entscheiden, welche externen ExpertInnen sie in die „schulische Sexualerziehung“ einbinden. Gegen diese Pläne regt sich nun breiter Widerstand – quer durch die politischen Lager.

Jahrzehntelanger Rückstand

Lange Zeit wurde in der Schule über Sexualität nur indirekt anhand der Fortpflanzung von Pflanzen und Tieren gesprochen. Österreich galt in der Forschung noch 2004 als konservatives Land, in dem eine Unterversorgung im Bereich der sexuellen Bildung herrscht. Und das, obwohl seit den 1970er Jahren ein Erlass vorsieht, dass Lehrpersonen aller Unterrichtsfächer die psychosexuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen pädagogisch begleiten sollen.

Lehrpersonen greifen Sexualität als Thema an Schulen jedoch kaum auf. Es waren außerschulische Vereine, die sich über Jahre hinweg Fachexpertise aneigneten und durch externe Angebote eine qualitätsvolle Sexualpädagogik nach internationalen Standards an Schulen unterstützten. SexualpädagogInnen arbeiten nicht nur mit SchülerInnen, sondern sind auch in der Fortbildung von Lehrpersonen und in der Elternarbeit tätig.

Externe tun sich leichter als LehrerInnen

Das würde sich mit dem Antrag der Ex-Regierungsparteien ändern. Sexualpädagogik würde damit in Zukunft allein im Aufgabenbereich der Lehrpersonen liegen. Obwohl Wissensvermittlung ein wichtiger Bestandteil sexualpädagogischer Arbeit gegen kursierende Sexualitätsmythen ist, geht sexuelle Bildung darüber hinaus. LehrerInnen sind selten für eine sexualpädagogische Begleitung geschult, die den nationalen und internationalen Qualitätsstandards entspricht.

Kinder und Jugendliche wollen aus verschiedenen Gründen auch nicht ihre persönlichen Fragen zu Sexualität mit jenen Personen besprechen, die sie benoten – ein Unbehagen an der Vermittlung sexueller Bildung im Kontext eines Autoritätsverhältnisses, das schon Monty Python in „The meaning of life“ unmissverständlich spürbar machte. Aus fachlicher und wissenschaftlicher Perspektive ist die Abschaffung der externen Sexualpädagogik daher äußerst problematisch – und das wissen auch (fast) alle.

Lobbyarbeit gegen sexuelle Bildung

In den letzten Jahren gab es bereits wiederholt Angriffe auf sexualpädagogische Angebote an Schulen – in Österreich, Deutschland und anderswo. In den USA haben diese konservativen Sexualitätspolitiken seit den 1980er Jahren Konjunktur. Es ist kein Zufall, dass dort die Lobbyarbeit gegen eine umfassende sexuelle Bildung auch sehr erfolgreich war: Mitfinanziert durch die US-Regierung unter George W. Bush bahnten sich familienorientierte und lustfeindliche Aufklärungsprogramme ihren Weg, auch in Länder mit vergleichsweise emanzipatorischen sexuellen Bildungsangeboten. In der Tradition einer Enthaltsamkeitserziehung, die sich stark an den moralischen Werten der evangelikalen ChristInnen orientiert, werden Sex vor der Ehe und Masturbation abgelehnt. Homosexualität soll „geheilt“ werden.

Diese sogenannten „abstinence-only“-Programme preisen Enthaltsamkeit vor der Ehe als wirksames Mittel gegen Schwangerschaften und sexuell übertragbare Infektionen. Daher kommen auch keine Verhütungsmethoden in diesen Programmen vor. Stattdessen werden konservative Ideen mit hohem sozialen Druck und auf extrem verächtliche und gezielt beschämende Weise vermittelt. So werden Jugendliche mit sexuellen Erfahrungen mit einem ausgelatschten Schuh oder mit einem Klebeband verglichen, das nach siebenmal seine „Bindekraft“ verliert. Der Comedian John Oliver kommentiert diese US-amerikanische Sexualpädagogik in einer Folge seiner Late Night Show treffend: „Learning nothing would have been better than learning that.“

Enthaltsamkeit als Prävention unwirksam

Die Folge der jahrzehntelangen US-republikanischen Lobbyarbeit ist, dass sogar im liberalen Kalifornien, das Budgetmittel zur Förderung von Enthaltsamkeit ablehnt, einem Viertel aller Kinder in der Schule Enthaltsamkeit vermittelt wird. Das liberale Gegenprogramm einer „comprehensive sex education“ – der international von der WHO vertretene Standard – spielt in den USA heute nur mehr eine untergeordnete Rolle.

Nach jahrzehntelangem Kampf zwischen liberalen und konservativen Programmen ist die Wirkung von Enthaltsamkeitserziehung wissenschaftlich sehr gut erforscht. Enthaltsamkeitspredigten sind nicht einmal im Sinne der eingeschränkten konservativen Präventionsidee effektiv. Unter Jugendlichen, die Enthaltsamkeitsprogramme erfahren haben, ist die Rate der Teenagerschwangerschaften und sexuell übertragbaren Infektionen höher als bei einer ganzheitlichen Sexualpädagogik. In Kalifornien konnte zumindest im Mai 2019 durchgesetzt werden, dass Sexualpädagogik an Schulen wissenschaftsbasiert und inklusiv sein muss.

Grundsatzerlass Sexualpädagogik

Wie die Forschung zeigt, reduzieren sowohl „abstinence-only“ als auch „comprehensive sex education“-Programme Sexualität auf etwas Negatives. Sexualität wird gleichgesetzt mit Risiko, Gefahr und Bedrohung. Lust und der gesellschaftliche Kontext spielen kaum eine Rolle. Kinder und Jugendliche sollen deshalb vor allem individuelles Risikomanagement lernen – zum Beispiel „Nein“ zu sagen. Demgegenüber erweitert der österreichische Grundsatzerlass Sexualpädagogik an Schulen den Auftrag sexueller Bildung: „Sie soll einen positiven Zugang zur menschlichen Sexualität darstellen und eine positive Grundhaltung sich selbst gegenüber sowie das eigene Wohlbefinden befördern“.

Damit wurde einem lange Zeit vorherrschenden „Birds and Bees“-Aufklärungsunterricht, der die Vermittlung von menschlicher Sexualität ausspart, eine Absage erteilt. Er wurdevon einer Sexualpädagogik abgelöst, die Begehren und Konsens gleichermaßen thematisiert. Diese Errungenschaften sind aktuell bedroht: Der damalige Bildungsminister Heinz Faßmann hatte erst im Frühjahr 2019 verkündet, dass fragwürdige Vereine, die Enthaltsamkeit und Homosexualität als Identitätsstörung vertreten, nicht an Schulen tätig sein sollen. Für eine zukünftige Qualitätssicherung war ein Akkreditierungsrat in Planung, um ab 2020 die Einhaltung von Standards zu kontrollieren. Der Einrichtung dieser Stelle kommt der aktuelle Antrag nun zuvor. Er wurde am Dienstag, 25. Juni, mit den Stimmen von ÖVP und FPÖ im Unterrichtsausschuss angenommen.

Breiter Konsens gegen ÖVP-FPÖ-Antrag

Mittlerweile haben nicht nur mehr als 10.000 Personen innerhalb weniger Tage die Petition #redmadrüber, die sich für qualitätsvolle Sexualpädagogik an Schulen einsetzt, unterzeichnet, sondern auch zahlreiche Vereine gegen die Abschaffung externer Sexualpädagogik öffentlich Stellung bezogen. Die breite Unterstützung der Initiative lässt sich nicht mit dem politischen „Links-Rechts-Schema“ begreifen. Die aktuelle Solidarität zum Erhalt der Sexualpädagogik verläuft quer durch die politischen Lager. So finden sich neben vielen sexualpädagogischen Vereinen auch kirchliche und ÖVP-nahe Vereine und Beratungsstellen als UnterstützerInnen.

Die in den letzten Tagen entstandene Vernetzung ist beispiellos innerhalb des Feldes der sexuellen Bildung. Anfang Juli soll der Antrag beschlossen werden. Die Breite des Bündnisses zeigt, dass ÖVP und FPÖ hier im Dienst einer kleinen Gruppe von Hardlinern handeln – zum Schaden aller SchülerInnen in Österreich.

Barbara Rothmüller ist Sozialwissenschaftlerin, Vorstandsmitglied der Plattform Sexuelle Bildung und lehrt am Institut für Soziologie der Universität Wien. Sie arbeitet u.a. zu Bildungsungleichheiten, Pierre Bourdieu und Sexualitätsforschung in Wien.

 
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