Ansar Jasim ist seit 2011 syrien-solidarische Aktivistin. Nach den Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet unterstützt sie Ärzt*innen im Nord-Westen des Landes. Im Interview mit Amina Nolte erklärt sie den politischen Kontext der Naturkatastrophe, erzählt Anekdoten von der Situation vor Ort und beschreibt, warum die Zivilgesellschaft die Hoffnung Syriens ist.

Amina Nolte: Was müssen wir über den politischen Kontext der Erdbeben wissen?

Ansar Jasim: Das Erdbeben in Syrien hat eine politisch sehr komplexe Gegend getroffen, in der aufgrund von unterschiedlicher politischer Kontrolle keine gemeinsame Notfall-Antwort möglich gewesen wäre.

Die betroffenen Gebiete lassen sich grob in vier Einflusszonen einteilen. Die Gebiete in Nordostsyrien, die unter Kontrolle der Autonomen Selbstverwaltung und der Syrian Democratic Forces (SDF) stehen. Gebiete, die unter Kontrolle des syrischen Regimes stehen, wie die Küstenregion um Lattakia oder auch das Umland von Damaskus sowie Teile von Nordaleppo. Die Gebiete in der Region Idlib und dem Umland von Aleppo in Nordwest-Syrien, die von der islamistischen Miliz Hai´at Tahrir Al-Sham kontrolliert wird, in der es aber trotz allem eine aktive Zivilgesellschaft gibt. Zuletzt sind auch die Gebiete Nordaleppos um Afrin und Azzaz, die von der Türkei besetzt sind, heftig betroffen. Ein weiteres Gebiet, das in der Berichterstattung gerade untergeht, ist die Region Tell Rifat/Shahba. Das ist eine Enklave, die zwar von der Autonomen Selbstverwaltung kontrolliert wird, aber seit der Besetzung Afrins durch die Türkei in einem belagerungsähnlichen Zustand ist. In ihr leben viele aus Afrin Geflüchtete.

Jeder dieser politischen Akteure hat seine eigene Antwort auf das Erdbeben gefunden. Die Zivilgesellschaft in allen betroffenen Gegenden ist sich aber einig: die jeweiligen (de facto) Machthaber tun entweder zu wenig, um den Menschen zu helfen, oder verhindern aktiv deren Bemühungen. Zumal es zunächst überhaupt keine Hilfe von außen gab, was auch an der Grenzsituation lag.

Was bedeutet das für die Menschen vor Ort?

Es braucht offene Grenzen: jetzt, ohne lange Diskussionen und wenn und aber! Dass Syriens Grenzen überhaupt so abgeriegelt sind, liegt vor allem an der EU-Türkei-Politik. Sie hat mit dem EU-Türkei-Deal darauf gesetzt, die nordsyrische Grenze für aus Syrien fliehende Personen dicht zu machen. Etwa über eine Grenzmauer, die die gesamte syrische Grenze vom Westen bis zum Osten absperrt. Das gleicht trifft auf das Geschachere der UN mit den Grenzübergängen für humanitäre Hilfe zu. Auf Drängen Russlands, das das Assad-Regime stützt, wurden bis auf einen alle diese Übergänge in den letzten Jahren geschlossen. Die hohen Opferzahlen gehen also nicht ausschließlich auf die Naturkatastrophe zurück. Es ist eine politische Katastrophe – und zumindest die hätte verhindert werden können, hätte man Syrien in den letzten Jahren nicht so stiefmütterlich vor allem als Fluchtursache betrachtet, die es zu unterbinden gilt.

Was sind die Auswirkungen des Erbebens?

In den Gebieten in Nordwestsyrien, wo wir unsere Spenden hingeschickt haben, gibt es um die 4 400 Tote, 8 300 Verletzte, die Infrastruktur ist in über 40 Städten zerstört. Die Notfall-Strukturen reichen noch lange nicht. Deswegen leben viele Menschen in ihren halbzerstörten Häusern. Da es weiterhin zu leichten Beben kommt, sind weitere Opfer zu erwarten. Die ersten Trucks mit humanitärer Hilfe, die erst Tage nach der Katastrophe über die Grenze in die Region gelassen wurden, hatten nicht einmal Rettungsausrüstungen.

Derzeit erpresst die syrische Regierung einen Hilfskonvoi, der aus Nordostsyrien in die Enklave nach Tell Rifat/Shahba Gebiet die Kontrolle des Regimes passieren muss. Die Konvoi soll einen Teil seiner Hilfsgüter abgeben und wird deswegen seit Tagen blockiert. Das kostet weitere Leben.

Die Kriegsaktivitäten sind derzeit stark reduziert, aber dennoch präsent: das syrische Regime führt kleine Attacken gegen die Region Idlib, die am stärksten vom Erdbeben getroffen ist, durch. Es ist extrem wichtig, nicht der Illusion zu verfallen, dass der Krieg nun vorbei sei. Auch während der Hochphase von Corona und selbst während des Ausbruchs des Ukraine-Krieges flogen russische und syrische Kampfjets weiterhin Attacken gegen zivile Ziele.

In den vom Regime kontrollierten Gebieten haben ungefähr 300 000 Menschen ihr Zuhause verloren. Die Rettungsaktionen konzentrieren sich vor allem auf größere Städte. Die Situation in Kleinstädten und Dörfern ist gravierend. Dennoch wurde bereits dokumentiert, wie regimenahe Milizen humanitäre Hilfe instrumentalisieren. Zudem wurde festgehalten, dass das syrische Regime nun Gebäude als vom Erdbeben zerstört markiert, die zuvor durch die eigene Bombardierung zerstört wurden.

Welche Hilfe wird vor Ort gerade am meisten benötigt?

Gerade sind wir wahrscheinlich in der zweiten Phase der Hilfsantwort: Es ist Winter, die Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, können nicht weiterhin auf den Feldern leben. Also werden jetzt ganze Zeltstädte aufgebaut, die müssen mit Strom, Licht und Wasser ausgestattet werden.

Als ich vorhin mit einem Freund vor Ort sprach, erzählte er mir, dass es ihn stolz mache zu sehen, wie Leute selbst mit den einfachsten Mitteln versuchen, bei den Bergungsarbeiten zu helfen. Hätte man aber schnell reagiert und Bagger über die Grenze gelassen, wäre das nicht notwendig gewesen.

Neben dem Geld, das wir und andere Organisationen schicken, ist es daher ein ganz wichtiger Faktor für das Durchhalten vor Ort, dass die Menschen wissen, dass sie gesehen werden. So merken sie, dass sie nicht alleine sind. Auch wenn sie die Arbeit vor Ort alleine machen müssen. Bei den Bildern, die sie jeden Tag sehen müssen, ist das eine wichtige Botschaft. Hinzu kommt, dass diese Helfer*innen oft selbst gerade in sehr prekären Situationen leben. Die meisten Menschen in Nordsyrien sind selbst aus anderen Gebieten Syriens geflohen, sie leben in vorrübergehenden Wohnungen und Häusern, die nun ihrerseits durch das Erdbeben Risse erhalten haben.

Was können Menschen in Österreich und Deutschland jetzt tun, um schnell, solidarisch und politische Hilfe zu leisten, die ankommt?

Menschen in Österreich und Deutschland sollten aktiv an syrische Organisationen spenden oder an jene Organisationen, die seit Jahren syrische Partner*innen vor Ort haben. Wir wissen aus den letzten Jahren, dass von der Syrienhilfe nur der kleinste Teil vor Ort ankommt, weil er in den Mühlen der großen bürokratischen Apparate von Institutionen wie der UN versickert. Das müssen wir jetzt aktiv über strategisches Spenden verhindern! Viele der Akteure vor Ort haben sofort ihre Programme umgeschaltet. Wer eben noch Trainings für Jugendliche gegeben hat, war am nächsten Tag mit genau jenen auf den Straßen und hat geholfen. Diese Leute können nicht ein paar Tage oder gar Wochen warten, bis in deutschen Ministerien oder bei der UN entschieden wurde, dass nun Hilfen gesendet werden könnten. Damit ihnen vor Ort aber nicht die Hände gebunden sind, müssen wir unsere Spenden richtig einsetzen.

Warum habt ihr begonnen, Geld zu sammeln?

Wir hatten den Spendenaufruf initiiert, weil zwei syrische Freund*innen, die als Ärzt*innen und Notfallhelfer*innen aktiv sind, eine Genehmigung erhalten haben, von Deutschland nach Syrien zu reisen. Erst einer der beiden konnte dann auch wirklich einreisen und schickt uns regelmäßige Updates. A. ist einer der beeindruckenden syrischen Ärzte, die aufgrund der syrischen Revolution ihr Medizin-Studium abbrechen mussten, weil sie nicht mehr zur Uni gehen konnten. Er hat fünf Jahre lang als Arzt in Süddamaskus unter den schlimmsten Umständen gearbeitet. Er wusste also genau, was er tut, als er sich entschieden hat, wieder hinzufahren.

Die Einreise erfolgt über registrierte syrische Organisationen, die von der türkischen Seite eine Genehmigung erbitten können. Es gibt keine andere Möglichkeit. Hunderte Nothilfeerfahrene Syrer*innen, die bereit wären zu helfen, sind mit diesen Regularien konfrontiert. Aufgrund der türkischen bürokratischen Maßnahmen hat die Einreise von der Türkei nach Syrien 48 Stunden gedauert. Das ist alles Zeit, die verloren wurde, um Menschen zu helfen.

Wie beschreibt A. die Situation vor Ort?

Zwei Sätze, die er auf zusammengefallenen Gebäuden gelesen hat, lassen ihn nicht mehr los: „Hört jemand diese Stimme?“ und „Es gibt keinen Ton mehr!“. Er hat die Arbeiten der Ersthelfer beobachtet und weiß, was es heißt, wenn nach stundenlangem Buddeln, um einer Stimme näher zu kommen, doch wieder eine Wand auftaucht, durch die man nicht durchkommt.

Als er die Grenze nach Syrien überqueren konnte, durften sie hunderte Lastwägen nicht passieren. Diese Lastwägen waren nicht Teil der internationalen Nothilfe, sondern jene Laster, die regulär über die Grenze fahren und nun helfen wollten, was ihnen aber verwehrt wurde.

Es gibt hunderte Gebäude, in denen aufgrund mangelnder Kapazitäten und fehlender Bagger keine Rettungsaktionen stattfinden konnten. „Du kannst dir das nicht vorstellen. Als Zivilgesellschaft können wir darauf nicht alleine reagieren. Selbst in einem funktionierenden Staat scheint es fast unmöglich“, sagt A. Als er mit seinen Kolleg*innen angekommen ist, konnten die Ärzt*innen, die seit der Katastrophe durchgearbeitet hatten, endlich eine kurze Pause machen. Dabei gibt es – wie schon seit Jahren – viel zu wenig Ärzt*innen vor Ort.

Wie geht A. damit um?

A. ist derzeit dabei, eine Fortbildung für die Krankenpfleger*innen und Sanitäter*innen vor Ort zu organisieren. So absurd sich das anhört, aber das brauchen sie, um adäquat reagieren zu können. Die meisten der wenigen lokalen Krankenhäuser sind durch das Erdbeben zerstört. An vielen Orten seien noch nicht mal Feldkrankenhäuser aufgebaut, sondern einfach nur sogenannte „medizinische Punkte“. Darunter müssen wir uns bestenfalls ein notdürftig hergerichtetes und schlecht ausgestattetes Zelt vorstellen, in dem eine Ärzt*in oder Sanitäter*in arbeitet. Mit den Spenden will A. deshalb versuchen, einige dieser Punkte auszustatten. Allerdings gibt es nicht alles vor Ort und die Einfuhr braucht wiederum komplizierte Genehmigungen von türkischer Seite.

Können Menschen weiter spenden? Und wenn ja, wohin?

Es gibt viele Organisationen, die vor Ort aktiv sind. Adopt a Revolution unterstützt alle ihre Partner*innen in den betroffenen Regionen dabei, Hilfe zu leisten. Besonders vertrauenswürdig ist die syrische Organisation „Mulham Team“. Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft hat sich solidarisch gezeigt. Wir haben in den letzten Tagen über einen privaten Spendenaufruf Akteure vor Ort unterstützt.

Was alle diese Gruppen gemeinsam haben, ist, dass sie sich seit Jahren für ein demokratisches Syrien einsetzen. Gerade jetzt haben diese Akteure, die seit Jahren gezielt unsichtbar gemacht wurden, bewiesen, dass sie existieren: Wenn es sie nicht gäbe, hätte es keine selbstkoordinierte Hilfe vor Ort gegeben, wären nicht tausende Menschen aus den Trümmern gerettet worden, hätten keine Bergungsarbeiten stattgefunden.

Ich hoffe inständig, dass die syrische Zivilgesellschaft, die wir gerade in Idlib sehen, uns allen im Gedächtnis bleibt. Wenn diese Krise überstanden ist, dann werden diese Organisationen wieder zu ihrer Arbeit zurückgehen und weiter versuchen, trotz Assad, trotz der Islamisten und türkischen Besatzung ein demokratisches Syrien von unten aufzubauen. Ich hoffe, dass wir sie diesmal nicht vergessen und dass es wieder eine breite Solidaritätsbewegung mit den Menschen in Syrien geben wird, um diesem Alptraum eines zehnjahrelangen Krieges ein Ende zu bereiten.

Wenn ihr A. und andere Personen und Gruppen, mit denen wir vor Ort in Kontakt sind, unterstützen wollt, dann schreibt eine kurze E-mail.

Interview: Amina Nolte
Foto: Caritas International

Idlib, ein Gebiet im Nordwesten Syriens, ist einer Militärkampagne durch das syrische Regime und Russland ausgesetzt. Wie sich die Zivilbevölkerung und Aktivist*innen dagegen organisieren und welche Rolle die europäische Außenpolitik spielt, berichtet Ansar Jasim von Adopt a Revolution.

Die heutige Region „Idlib“ gilt als letztes Gebiet in Syrien, das von oppositionellen Gruppen kontrolliert wird. Es streckt sich von Nord-Hama, der Stadt Idlib, West-Rif-Aleppo und dem Umland von Lattakia und hat viele Grenzen. Sie führen dazu, das eine Flucht aus der Region faktisch unmöglich ist.

Denn zum einen grenzt es an vom Regime und und seiner Armee kontrollierte Gebiete. Im Umland von Aleppo sind das beispielsweise iranische und schiitisch afghanische Söldner, die vom Iran angeworben wurden. Im Norden grenzt es an Rif- Aleppo, die Region Afrin, die unter türkischer Besatzung steht. Östlich davon besteht eine kleine YPG- kontrollierte Enklave, um die viel umkämpfte Stadt Tell Rif’at. Die ungefähr 90 Kilometer lange Grenze mit der Türkei ist durch eine Grenzmauer abgeschirmt, drei Meter hoher Beton. Der nächste Grenzübergang in die Türkei in Lattakia steht unter Kontrolle des syrischen Regimes.

Wer lebt in Idlib?

In Idlib leben fast dreieinhalb Millionen Menschen – auf einer Fläche, die nicht einmal so groß ist, wie das Bundesland Salzburg. Dort leben, zum Vergleich, gerade einmal eine halbe Million Menschen.

In Idlib hat sich die Situation dabei in den letzten Jahren zugespitzt. Fast ein Drittel der Einwohner*innen sind Binnenflüchtlinge, die bereits zwangsvertrieben wurden oder geflüchtet sind. Die Region, die seit Jahren Zerstörung und Krieg und keine nennenswerte ökonomische Entwicklung erlebt, musste das auffangen. Dass diese Gemeinden dennoch weiterhin funktionieren und immer wieder mit Vertreibung und weiteren Flüchtlingen umgehen, liegt an einer selbstorganisierten und humanitären Versorgung.

Kreation von „Idlib”

Im Februar 2019 brachte Hai‘at Tahrir Al-Sham (HTS), ein Gruppe, die aus Al-Qaeda hervorgegangen ist, Idlib unter seine Kontrolle. HTS geht massiv gegen Kritik vor, erst im November 2018 ermordete sie mutmaßlich zwei Journalisten. Dennoch unterstützen die meisten Bewohner*innen HTS nicht. Die zivile Infrastruktur ist nicht von HTS, sondern selbst-organisierten Gruppen zur Verfügung gestellt. Sie haben unter anderem Schulen, Universitäten und Krankenhäuser aufgebaut. Besonders in Städten wie Kafrnubul und Maarat An-Numan, die sich durch wöchentliche Demonstrationen gegen das Regime und teilweise täglichen und über Monate anhaltenden Protest gegen dem HTS-Vorgänger Nusra-Front hervortaten, haben einen Raum für eine sich entwickelnde progressive Zivilgesellschaft geschaffen. Genau jene Akteur*innen werden jetzt besonders intensiv bombardiert.

Denn die Kriegsparteien und die internationale Gemeinschaft verkennen die Kämpfe gegen die HTS. Anhaltende Bombardierungen und Vertreibung werden von Russland und dem Regime als Terrorismusbekämpfung bezeichnet.

Humanitäre Situation

Seit Ende April rückt zudem das syrische Militär vom Süden vor – und setzt auf eine Politik der verbrannten Erde. Die Stadt Kafr Naboudeh wurde buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Gemeinsam mit der russischen Armee nimmt sie zudem seit Mai auch die zivile Infrastruktur ins Visier. Drei IDP-Einrichtungen, 20 Krankenhäuser und 25 Schulen brannten aus. 400.000 Schüler*innen, die kurz vor ihrem Prüfungen standen, mussten diese aussetzen.

Die Region versinkt im Chaos. 300.000 Menschen sind mittlerweile auf der Flucht und brauchen Unterkunft. In einem Gebiet, das seit 2011 immer wieder Flüchtlingsströme erlebt hat, und seit 2017 der Hauptzufluchtsort für Zehntausende aus anderen Gegenden Syriens geworden ist, kann man sich nur vage vorstellen, was das bedeutet.

Viele Menschen haben unter ihren Häusern oder in ihren Wohnvierteln Bunker (aus)gebaut. Das aber bietet das seit der Benutzung Bunker-sprengender Bomben keine sichere Option mehr. Medienaktivist*innen dokumentierten mehrere Fälle, in denen ein Schutzort zum Massengrab geworden ist. Der Journalist Akram Al-Ahmad erzählt, dass „wir nun Löcher in die Erde graben, in das immer nur ein Familienmitglied reinpasst. Das verteilen wir im Garten ums Haus. Somit können wir wenigstens sicherstellen, dass bei einem Angriff nicht alle sterben.“ Weiterhin kümmert sich die Civil Defense, auch bekannt als White Helmets, um die Verletzten und Verschütteten, um die Versorgung.

Zivilgesellschaftliche Organisation

Während Russland und Syrien die Region bombardieren, versagt der Westen seine Unterstützung. Auch Deutschland und Frankreich haben auf die Machtübernahme der HTS reagiert und im Jänner 2019 ihre Finanzierung von humanitären Akteur*innen weitgehend eingestellt. Die lokalen Organisationen, die die Menschen mit Essen und Trinken versorgen, versuchen ihr Möglichstes. HTS hat weder die Kapazitäten noch Interesse am Schicksal der Zivilist*innen, berichten Aktivist*innen. Sie versuchen es dennoch vorzutäuschen. In Atareb zwingen sie die lokalen Organisationen in ihrem Namen, die Lebensmittelpakete zu verteilen. Mehr Legitimität verschafft das HTS nicht.

Umso wichtiger, dass die internationalen Geldgeber nicht einfach panisch ihre Unterstützung abziehen. Gerade jetzt müssen die Strukturen gestärkt werden. „HTS hat unglaubliche Angst vor dem Zorn der Lokalen, die würden niemals einfach eine Organisation schließen. Und zudem sind sie gar nicht fähig, bestimmte Bereiche, wie Medizin abzudecken. Es ist also absolut notwendig für die Grundversorgung der lokalen Zivilbevölkerung“, sagt Akram Al-Ahmad.

Widerstand nicht nur gegen das Regime

Dennoch sind Millionen von Menschen in Idlib mit der Bezeichnung der Region  wie „Dschihadisten-Enklave“ oder „Terroristen-Hochburg“ einer extremen Dehumanisierung durch selbsternannte anti-imperialistische Linke und Mainstream-Presse ausgesetzt. Der minimale Schutz von Menschenrechten wird den Menschen in Idlib dementsprechend nicht zugestanden. Auch wenn es aus Europa schwierig ist, für die Menschen in Syrien etwas zu tun, sollten wir wenigstens an der Front zu Hause kämpfen. Die EU spielt in Syrien militärisch kaum eine Rolle, so tut sie das doch im Grenzschutz und durch internationale Geberpolitik. Dank europäischen Geldern konnte die Türkei eine sehr effiziente „Sicherheitsmauer“ entlang der gesamten türkisch-syrischen Grenze bauen. Menschen, die also vor Bombardierungen fliehen, können nirgendwo mehr hingehen – danke europäischer Außenpolitik.

 
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