Banlieue in Seitenlage

Athena: Ein französischer Vorort wird zur Projektionsfläche

„Morgen wird Linz zu Athena“ – diese Tiktok-Ankündigung ging den Ereignissen der Halloween-Nacht voraus, die derzeit für rassistische Migrationspolitik instrumentalisiert werden. Aktivist*innen des BigSibling Kollektivs haben sich das auf Netflix erschienene Actiondrama für uns angeschaut und schildern ihre Eindrücke.

„Athena“ zeichnet das Bild eines Wohnblocks in Frankreich, der nach dem Mord an einem Jugendlichen in Rache, Gewalt und bürger*innenkriegsähnlichen Zuständen versinkt. Der Ermordete, der 13-jährige Idir, ist eine Person of Color. Die mutmaßlichen Täter sind Polizisten. Eine Chance, rassistische Polizeigewalt zu thematisieren?

Benannt ist der Film, wie auch der Wohnblock, der nach dem Mord an Idir von Jugendlichen besetzt wird, nach der griechischen Göttin des Kampfes. Das lässt bereits vermuten, dass sich „Athena“ von Romain Gavras in Richtung Actiondrama entwickelt. Zumal der französische Regisseur in der Vergangenheit bereits mehrfach Debatten wegen seiner „gewaltverherrlichenden Videos“ auslöste.

In seinem Film Athena lässt er die Gewalt nach einem Rache-Überfall auf eine Polizeistation zunehmend eskalieren. Die Hauptcharaktere sind die drei Brüder des ermordeten Idirs. Karim, der Jüngste und Anführer der Rebellion. Moktar, der älteste Bruder, der vor allem an seinem Drogen- und Waffenhandel interessiert ist. Und Abdel, Polizist und Kriegsveteran, der versucht zwischen Polizei und Aufständischen zu vermitteln. Trotz des vielschichtigen Konflikts wirken die Charaktere, Dialoge und Handlungsabläufe platt, ohne Tiefgang und inhaltsleer. Deshalb ist der Film, trotz des hochpolitischen Themas Polizeigewalt, nicht politisch.

Adrenalin statt Einblicke in die Realität

Für Actionfilmfans mag der Film interessant sein. Er lädt ein, die Verfolgungsjagden zu genießen und sich vom durch Verzweiflung, Hass und Krieg geprägten Aufstandsszenario mitreißen zu lassen. Die Spannung ist auch ein Ergebnis der Kameraführung. Die Kamera, und somit auch wir, hängt den Protagonisten dicht an den Fersen und verfolgt sie durch das Wirrwarr des Gebäudekomplexes. So wird der gesamte Aufstand zu einem ästhetischen Spektakel in der Abenddämmerung. Kein Wunder, denn Regisseur Romain Gavras ist vor allem für seine reißerischen Musikvideos bekannt. Am Ende des Filmes fühlt man sich, als hätte man ein sehr langes Musikvideo gesehen.

Wie das Leben im Wohnblock vor der Eskalation der Gewalt ausgesehen hat, erfahren wir nicht. Armut und beengte Wohnverhältnisse, Rassismus und Ausgrenzung, Kriminalisierung, Aussichtslosigkeit? Lediglich die Emotionen, die der Tod Idris auslöst, werden thematisiert. Die Verzweiflung und Trauer seiner Mutter. Der Hass und die Rachegelüste seines Bruders Karim. Der Widerspruch, in dem der zweite Bruder ­Abdel gefangen ist.

Französische Vorort-Siedlungen müssen oft als Projektionsflächen für Parallelgesellschaften, gewaltvolle Strukturen und kriminelle Geschäfte herhalten. Dass Athena auch ein Ort des Zusammenhaltes ist, sehen wir nur in vereinzelten Szenen. Wie etwa, als Nachbar*innen gemeinsam mit der Familie trauern.

Rassifizierte toxische Männlichkeit

Was vorherrscht, ist eine stereotype Darstellung von wütenden Jugendlichen of Color. Nein, wir sehen eigentlich wütende, gewalttätige und aggressive cis-Männer of Color. Die Darstellung festigt ein rassistisches Bild. Durch das Fehlen von Hintergrundszenen, die die Missstände und den institutionellen Rassismus der Polizei thematisieren, wird die Wut der Aufständischen gegenüber der Polizei als fehlplatziert dargestellt und entpolitisiert.

Die Wut der Männer of Color ist für den Film zentral. Es wird jedoch nicht klar, woher diese Wut stammt. Der Film zeigt uns kaum Nuancen im Umgang mit der Situation. Keine Vorgeschichte und keinen gesellschaftlichen Hintergrund. Was bleibt, ist ein verallgemeinertes und rassistisches Bild von gewaltvollen, herumgröhlenden und patriarchalen Massen von Männern of Color und „gefährlichen Migranten“ – ein Bild, das uns schon sehr bekannt ist. Wir verstehen am Ende des Films die Motive der Aufständischen nicht. Die Ermordung Idirs wirkt wie ein Einzelfall. Der Aufstand wie ein Rachefeldzug. Und der Film wie ein Familiendrama.

Antworten auf Polizeigewalt in Frankreich

Die fiktive Handlung des Films erinnert an die Bilder über die Aufstände in den Vorstädten von Paris (den Banlieues). 2005 erreichten sie nach dem Tod von Bouna Traore und Zyed Benna, einem Schwarzen Jugendlichen und einem Jugendlichen of Color, ihren Höhepunkt. Die durch Armut geprägten Viertel wurden von den Behörden jahrzehntelang vernachlässigt und entwickelten sich so zu Schauplätzen von Gewalt, Rassismus und Ausgrenzung.

Angehörige und politische Aktivist*innen organisieren sich in Frankreich gegen die Polizeigewalt. Ihre Arbeit sieht jedoch anders aus als der im Film porträtierte Aufstand in Athena. Sie machen politischen Druck und fordern die Aufklärung der Morde und Konsequenzen für die Täter*innen aus den Reihen der Polizei.  Doch sie kritisieren auch den Polizeiapparat als Ganzes und fordern nicht selten seine Abschaffung. Die Reaktionen auf Ausgrenzung und Polizeigewalt können also ganz unterschiedlich aussehen.

Aktivismus in Österreich

Auch in Österreich sind rassistische Polizeipraktiken Alltag. Diese reichen von Racial Profiling bis hin zu physischer Gewaltausübung. Für Betroffene gibt es meists nicht die Möglichkeit, sich an staatliche Anlaufstellen zu wenden oder erfolgreich auf juristischem Weg gegen die Polizei  vorzugehen. Aktivistische Gruppen versuchen nicht nur Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen, sondern auch Gesetzesänderungen zu erreichen. Sie folgen dabei verschiedenen Schwerpunkten: von Reformen innerhalb der derzeitigen Strukturen bis hin zu Forderungen nach Abschaffung der Polizei. Wir als BigSibling arbeiten, basierend auf einer abolitionistischen Perspektive, am Empowerment von Betroffenen und klären durch Workshops und Veranstaltungen  über das Thema auf.

Athena und Linz

Athena ist ein Actionfilm durch und durch. Ein Film, der sich trotz der Themenwahl nicht tiefergehend mit Polizeigewalt auseinandersetzt. Er ist gewaltig an der Herausforderung gescheitert. Dabei ließen sich in Europa so viele Geschichten zu Polizeigewalt aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählen, die nicht nur an der Oberfläche kratzen sondern in die Tiefe gehen. In Linz haben Jugendliche Pyrotechnik gezündet und Flaschen geworfen und sich dabei zum Teil auf den Film Athena bezogen. Ähnlich wie im Film können wir über ihre Motive und Hintergründe nur Vermutungen anstellen: Ausgrenzungs- und Rassismuserfahrungen? Perspektivenlosigkeit? Die strukturellen Ursachen solcher „Aufstände“ und die Handlungsmotive der Protagonist:innen werden im Film ebensowenig thematisiert, wie in der vorherrschenden Berichterstattung über Linz.