Anti-Rassismus muss Praxis werden! 8 Dinge, die du als Weiße Person tun kannst

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Der Mord an George Floyd durch vier Polizisten in Minneapolis hat in den USA eine Protestbewegung ausgelöst, die in der ganzen Welt ihre solidarischen Ausläufer findet. Auch in Wien gingen über 50.000 Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. Auf vielen Protestschildern standen Slogans wie „White Silence = Violence“ oder„White Ally“. Doch was bedeutet es, als Weiße Person anti-rassistisch zu sein? Mosaik startet mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, die du als Weiße Anti-Rassist*in machen kannst – und solltest. Ein Text von Mosaik-Redakteurin Franziska Wallner unter Beteiligung von Barbara Stefan, Klaudia Wieser und Neva Löw.

Dieser Text richtet sich also an alle jene Weißen* Mitmenschen, die sich als Anti-Rassist*innen begreifen, sich aber nicht sicher sind, ob sie genug dafür tun. Die Antwort ist: Wahrscheinlich nicht. Noch mehr ist dieser Text aber für diejenigen, die sich sicher sind, keine Rassist*innen zu sein. Rassistisch – das ist böse und das sind die anderen. Überhaupt ist der Vorwurf, rassistisch zu sein, verletzend. Fast schlimmer als der Rassismus selbst (Siehe Punkt 2) – oder? Okay, der Reihe nach.

Zuerst: Rassismus ist kein Problem der anderen. Wir alle haben Rassismen verinnerlicht, und die Weiße Mehrheitsgesellschaft profitiert jeden Tag von der tiefen Verankerung von Rassismus in unserer Gesellschaft.

Rassismus ist…

Grundsätzlich können wir Rassismus als Ideologie erfassen, die Differenz als unveränderlich konstruierte Eigenschaften bestimmter Gruppen festschreibt. Als gesellschaftliches Verhältnis produziert es Unterschiede und schreibt diese auf körperliche Erscheinung, Sprache, religiöse Praxen etc. fest. Es werden also Unterschiede konstruiert, die nicht bestehen, aber trotzdem ganz konkrete Konsequenzen für die Betroffenen haben. Colette Guillaumine: „Race does not exist. But it does kill people.“ („Es gibt zwar keine Rassen, aber sie töten trotzdem Menschen.“) Diese Ideologie ist seit Jahrhunderten verankert und baut auf Versklavung, Kolonialismus, Macht- und Herrschaftsverhältnissen auf.

„Dort ist das doch ganz anders!“

Was in den letzten Tagen sehr oft zu hören war: Dass wir die Situation in Österreich oder Deutschland nicht mit der in den USA vergleichen können. Ja, es ist eine andere Situation, der Rassismus bei uns hat andere Abwandlungen, Nuancen und Zuschreibungen. Alltagsrassismus, struktureller Rassismus, rassistische Gewalt, rassistische Mordanschläge und rassistische (tödliche) Polizeigewalt grassieren in Österreich und Deutschland aber genauso. Das zu leugnen ist für Schwarze, Muslim*innen und People of Color (PoC) in Österreich ein Schlag ins Gesicht und verhindert außerdem die notwendige Auseinandersetzung mit dem spezifischen Rassismus in Österreich und Deutschland.

Nachdem wir einige Basics angesprochen haben, hier nun acht konkrete Schritte, die du als Weiße Person tun kannst, um deinen Beitrag im Kampf für Anti-Rassismus zu leisten.

1.) Hör‘ jenen zu, die von Rassismus betroffen sind, nimm ihre Erfahrungen ernst und frage was du tun kannst.

Es geht nicht um dich, aber es geht um deine Verantwortung als Weiße Person. Es geht um die Lebensrealitäten von Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Das heißt: Mute ihnen nicht deine Ungläubigkeit oder Fassungslosigkeit zu – ihre Rassismus-Erfahrungen sind real und begleiten sie meist ihr Leben lang. Sei für deine Freund*innen und Bekannten da, die von Rassismus betroffen sind. Biete Hilfe an, hör zu. Akzeptiere „Safe Spaces“, zu denen du keinen Zugang hast. Dräng‘ dich nicht in den Vordergrund, auch und vor allem nicht bei Demonstrationen. Auch hier gilt: Frag‘ nach, wie du am besten supporten kannst – zB als Schutzschild vor der Polizei. Und: Reflektiere dein Verhalten auf Social Media und teile nicht einfach Inhalte, die rassistische Gewalt zeigen – das ist potenziell re-traumatisierend.

Su’ad Abdul Khabeer bringt es auf den Punkt: „You don’t need to be a voice for the voiceless, just pass the mic.” („Du brauchst nicht die Stimme der Stimmlosen sein, gib ihnen einfach das Mikrofon weiter.”)

2.) Bilde dich – mach die Arbeit, auch wenn es mühsam ist.

Verlang‘ nicht, dass People of Color die Arbeit für dich machen, auch nicht deine Freund*Innen/Bekannte. (An dieser Stelle eine Buchempfehlung: „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge). Es gibt unendlich viele Ressourcen für Weiße Menschen, die sich mit Rassismus auseinandersetzen wollen.

Lerne, wie sich der Kolonialismus bis heute festschreibt. Was White Supremacy bedeutet, was White Privilege, was White Fragility. Beschäftige dich damit, was den spezifischen Rassismus in Österreich ausmacht und wie er sich äußert. Ein möglicher Startpunkt könnten die Rassismus-Reporte von ZARA sein oder der Bericht von SOS Mitmensch zu antimuslimischem Rassismus von 2019.

3.) Sei bereit, Arbeit in Selbstreflexion zu stecken.

Der wahrscheinlich schwierigste Punkt für viele. Was hast du mit dem rassistischen System zu tun, wie profitierst du davon und welche Position nimmst du ein? Dieser Punkt verlangt, die Perspektive nach innen zu richten. Wir müssen unsere eigenen verinnerlichten Rassismen verstehen und akzeptieren, dass wir zwangsläufig Teil eines Systems sind, von dem wir Weiße profitieren. Falls du Teil einer politischen Organisation, Plattform oder Initiative bist: Frag’ dich, wie vielfältig die Zusammensetzung der Menschen ist, die sich beteiligen und woran es liegt, dass sich eventuell hauptsächlich Weiße Menschen angesprochen/willkommen fühlen. Das müssen wir auch als Mosaik-Blog tun.

Eine solche Selbstreflexion ist der erste Schritt, um eine anti-rassistische Praxis zu entwickeln. Wärmstens zu empfehlen ist zB. „EXIT RACISM – rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette, das gerade als Hörbuch kostenlos auf Spotify verfügbar ist.

Kurzer Exkurs, falls du dir nicht sicher bist: Nein, es gibt keinen Rassismus gegen Weiße. Rassismus funktioniert über strukturelle Macht und Herrschaftsstrukturen (oder einfacher: Rassismus ist Diskriminierung plus Macht), und Weiße hatten und haben die Macht. Jahrhundertelange Diskriminierung, Unterdrückung und Vorurteile lassen sich nicht einfach umkehren. Solche Behauptungen sind relativierend und lenken die Aufmerksamkeit von echter rassistischer Gewalt ab.

4.) Wenn du kannst: Spende Geld an Organisationen, die Betroffenen helfen!

Das ist praktische Solidarität und verteilt Ressourcen um. Es gibt unzählige Möglichkeiten dazu. Du kannst Geld in die USA schicken – für einzelne lokale Initiativen, die bei Polizeistrafen gegen Schwarze hilft – oder auch für übergeordnete Plattformen (zB. hier oder hier). Oder du spendest in Österreich. Auch hier gibt es unzählige Organisationen und Plattformen, die sich in der einen oder anderen Form gegen Rassismus einsetzen. Ein Beispiel ist die „Schwarze Frauencommunity“.

5.) Zeig‘ Zivilcourage. Sei unbequem.

Ob auf der Straße bei rassistischen Polizeikontrollen (Racial/Ethnic Profiling) oder in der U-Bahn, wenn du einen rassistischen Kommentar hörst: Greif‘ ein. Das kann je nach Situation, eigenen Grenzen und Wunsch des/der Betroffenen unterschiedlich aussehen, aber reicht von: stehen bleiben, zuschauen, Hilfe anbieten/holen, dokumentieren, aktiv eingreifen, dazwischen gehen. Gerade bei Polizeikontrollen ist es wichtig, stehen zu bleiben, zu beobachten, nachzufragen und im Bedarfsfall Hilfe (auch als Zeug*in) anzubieten.

6.) Dekolonialisier‘ dich!

Was weißt du über die europäische Kolonialgeschichte, über Sklaverei, und wie diese mörderische Ausbeutung bis heute fortwirkt? Wie sind internationale Kriege, Konflikte und die Festung Europa mit österreichischer Außenpolitik und ihrer Geschichte verknüpft?

Was weißt du über deine Weiße Welt? Deine Bildung? Wen liest du? Mit welchem Blick gehst du durch Museen? Unterstütze Forderungen nach Restitution und Menschen, die den Kampf mit Museen und anderen Institutionen aufnehmen und sie zum Handeln drängen.

7.) Erzieh‘ deine Kinder anti-rassistisch.

Viele Weiße Eltern sind der Überzeugung, dass es ausreicht, die Gleichheit aller Menschen, unabhängig ihrer Hautfarbe, Religion oder anderer Eigenschaften zu betonen – dann kommt die schöne neue Welt ohne Rassismus von selbst. Das ist falsch. Es ist wichtig, mit Kindern über Rassismus zu sprechen! Anti-rassistische Kindererziehung für Weiße Kinder beginnt damit, Unterschiede und die gesellschaftlichen Privilegien und Nachteile, die damit verbunden sind, sichtbar zu machen.

Ausgangspunkt können Kinderbücher, Filme oder Serien sein, in denen Protagonist*innen oder die Hauptdarsteller*innen Weiß sind. Man kann das Gespräch beginnen, indem man darauf hinweist und fragt, warum das so ist und wie es Schwarzen Kindern wohl geht, wenn sie immer nur Weiße Menschen als Normalität dargestellt sehen. Beginnt das Kind dann, Rassismus im „echten Leben“ wahrzunehmen, kann man beginnen, strukturelle Ungleichheiten wie ökonomische Ausschlüsse, rassistisches Justizsystem, Polizeigewalt, Diskriminierung am Wohnungsmarkt und in der Schule, Sklaverei und Unterdrückung anzusprechen. Etwa in diesem Video oder diesem Artikel, in dem Kinder- und Jugendbücher besprochen werden, die Gesprächsöffner für „Rassismus“ sein können.

8.) Mach weiter, auch wenn die Aufmerksamkeit wieder abebbt.

Dass du dich jetzt verstärkt dem Thema Rassismus und Polizeigewalt widmest, ist gut. Hab‘ Mut dich einzubringen, konstruktive Kritik und Zusammenarbeit ist in allen Bewegungen und Initiativen wichtig. Aber es muss der Ausgangspunkt für eine nachhaltige Auseinandersetzung sein – die den aktuellen „Trend“ überdauert und im besten Fall eine lebenslange Bewusstseinsbildung bedeutet.

Schwarze Menschen, Indigene und PoC riskieren gerade erneut ihre Leben bei den Kämpfen für ein Ende des Rassismus. Auch innerhalb dieser Gruppen herrschen unterschiedliche Betroffenheiten. Daher möchten wir an dieser Stelle zwei Posts verlinken, einmal diesen von Naomi Afia Güneş und dann diesen von Gözde Taskaya.

„In a racist society, it’s not enough to be non-racist, we must be antiracist.“
Angela Davis

Disclaimer:

1.) * Schwarz und Weiß werden hier bewusst großgeschrieben, was sie als politische Kategorien sichtbar macht. „Weiß“ soll auf die sozialen und politischen Privilegien von Menschen hinweisen, die Rassismus nicht ausgesetzt sind. „Schwarz“ ist eine politische Selbstbezeichnung die als Konsequenz der jahrhundertelangen Fremdbezeichnungen eine Form der Ermächtigung darstellt.

2.) Keines dieser Argumente ist neu. Unzählige Male schon haben von Rassismus Betroffene exakt die gleichen Forderungen gestellt, Vorschläge gemacht, Ressourcen zur Verfügung gestellt. Es wird Zeit, dass wir BIPoC (Black and Indigenous People/Person(s) of Color) diese Arbeit abnehmen und endlich Worten Taten folgen lassen.

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