Warenlager statt Elfenbeinturm: Die Klassenpolitik von unten der Angry Workers

Foto: Jazael Melgoza

Die Ausbeutung verstehen, die Ausgebeuteten organisieren: Mit diesem Ziel haben die Angry Workers, britische AktivistInnen, sechs Jahre lang in einem Warenlager geschuftet. Ihr Buch über die harte körperliche und politische Arbeit ist nun auf Deutsch erschienen.

Im Jänner 2014 zog die Gruppe junger AktivistInnen nach Greenford, ans westliche Ende Londons. Sie wollten das Leben der ArbeiterInnenklasse kennenlernen, nicht mehr nur darüber lesen. Karrieren mussten sie dafür nicht aufgeben, wie sie selbst in der Einleitung des Buches schreiben. Sie hatten keine aussichtsreichen Jobs oder waren ohnehin mit ihnen unzufrieden. Sechs Jahre, tausende verteilte Zeitungen und einige soziale Kämpfe später haben die „Angry Workers“ ein Buch über ihre Erlebnisse und Erfahrungen geschrieben. Benjamin Herr hat sie interviewt.

Ihr organisiert ArbeiterInnen in West-London. Macht ihr also die Arbeit einer Gewerkschaft?

Angry Workers: Wir sind vor allem ein politisches Kollektiv, das die neuen Ausbeutungsmechanismen besser verstehen will. Unser Engagement hat viel mit Strategie zu tun. Einerseits, dass wir in die Logistik gegangen sind, weil dort die die Betriebseinheiten größer sind. Man denke zum Beispiel an die riesigen Amazon-Lager. Da kommen viele ArbeiterInnen zusammen, das war für uns interessant. Andererseits war auch die Entscheidung für West-London eine strategische. 60 Prozent der Nahrung, die London konsumiert, wird dort in Fabriken verarbeitet und in Warenlagern verpackt. Die Größe der Betriebe, die Bedeutung für London: das ist eine strukturelle Stärke.

Aber gibt es dort keine Gewerkschaften?

Doch, die gibt es in vielen der Betriebe schon. Die Gewerkschaftsvertretung ist aber in das Management eingebunden und vertritt nur die Festangestellten. Der Großteil der ArbeiterInnen sind sogenannte ZeitarbeiterInnen. Das sind jene, die die unangenehme Arbeit machen, für die keine Lohnerhöhungen durchgesetzt werden, die für ein paar Monate hart arbeiten und dann wieder gehen. Die Gewerkschaft akzeptiert diese Spaltung. Da haben wir gesehen, dass wir uns selber organisieren müssen.

Und was macht ihr in eurer politischen Arbeit?

Wir sind auf verschiedenen Ebenen unterwegs, die sich auch gegenseitig ergänzen. In einem Solidaritätsnetzwerk helfen wir uns gegenseitig, wenn es Probleme am Arbeitsamt, mit dem Boss oder dem Vermieter gibt. Dadurch lernten wir anfangs die Gegend besser kennen und die Situation der ArbeiterInnen besser zu verstehen. Außerdem hat uns das die Tür zu anderen Betrieben geöffnet.

Ein Netzwerk alleine entwickelt aber noch keine kollektive Dynamik. Deshalb gründeten wir Gruppen in unseren Betrieben. Diese hatten eine Verbindung zum Solidaritätsnetzwerk und halfen uns auch, das Leben außerhalb des Betriebs zu politisieren, etwa wenn KollegInnen Probleme mit der Einwanderungsbehörde hatten. In unserer ArbeiterInnenzeitung analysieren wir wiederum die betriebliche Lage aus einer revolutionären Sichtweise. Wir verteilen sie immer vor denselben Fabriken und Arbeitsämtern.

Und was ist eure Perspektive? Was wollt ihr damit erreichen?

Unsere Perspektive ist die: Wenn sich ArbeiterInnen nicht selbst organisieren, kommt es zu keiner befreiten Gesellschaft. Wir gehen davon aus, was schon da ist: Wir haben Jobs in den Betrieben angenommen, uns angeschaut wie die Produktion organisiert ist, was die Leute ihrer Ausbeutung schon entgegensetzen und schließen daraus, worin weitere organisatorische Schritte bestehen können. Unser Vorschlag ist sehr an der Basis orientiert. Bevor wir Fragen stellen können, wie eine gute, eine gerechte Gesellschaft aussieht, müssen wir innerhalb der Klasse organisiert sein, zu Arbeitskämpfen gehen – und diese nicht nur kommentieren. Wir müssen zunächst einmal vieles verstehen.

Wie sieht die Linke in London sonst aus?

Sie ist sehr mittelschichtig, besteht aus vielen Studierenden oder Leuten mit professionellen Jobs in NGOs oder so. Dadurch geraten viele Dinge aus dem Blick. Zum Beispiel: Die Labour-Linke sieht MigrantInnen entweder als arme Opfer, oder, wenn sie sich in Gewerkschaften organisieren, ist alles gut. Aber unser Eindruck war eben, dass die Gewerkschaften nicht alle ArbeiterInnen vertreten.

Wir sehen eine Lücke zwischen den Erfahrungen aus der Arbeitssituation, die wir wahrnehmen, und den Diskussionen, die bei Labour und Momentum (ein linker Think-Tank, der der Labour Party nahesteht, Anm.) ablaufen. Dafür ist nicht nur das übertriebene Vertrauen in die Gewerkschaften ein Beispiel, das sieht man auch in anderen Belangen. Einer der zentralen Vorschläge von Jeremy Corbyn war beispielsweise die Verstaatlichung von Betrieben. Die Idee lautet: Weil die Betriebe dann nicht mehr einzelnen Privatpersonen gehören, werden die ArbeiterInnen mehr Macht haben. Das geht komplett an der Situation der Leute vorbei. Denn sie sind ja schon alleine durch den Produktionsprozess entmachtet. Sie können nicht darüber entscheiden, was sie im Betrieb tun. Das würde sich durch die Verstaatlichung nicht ändern.

Was können Linke in Österreich aus eurem Buch lernen?

Generell ist die Situation in Österreich nicht so sehr anders als bei uns. Wir denken zum Beispiel an Graz, mit der Autoindustrie. Auch dort gibt es viel migrantische Arbeit, viel Leiharbeit. Unsere Strategien könnten deshalb auch in eurem Kontext brauchbar sein.

Was wir tun bedeutet auf jeden Fall viel Arbeit. Es gibt keine einfachen Antworten und Gewerkschaften sind nicht die letzte Lösung. Nein, auch da geht der Kampf weiter. Was wir aber zeigen, ist, dass man mit ein paar Leuten schon was anfangen und in ein paar Jahren etwas erreichen kann. Wir haben die lokale Situation verstanden, haben ein Solidaritätsnetzwerk aufgebaut und Kontakte in ungefähr vierzig Betriebe geknüpft.

Wir denken aber auch, dass es für uns Linke wichtig ist, unsere Schwächen zu verstehen und zu analysieren. Das ist die Grundvoraussetzung, um zu sehen, wo gesellschaftliche Veränderung möglich ist. Mit dem Buch möchten wir viele andere Kollektive kennen lernen und Menschen dazu animieren, sich auch miteinander zu organisieren.

Veranstaltungshinweis: Die Angry Workers präsentieren heute um 19 Uhr ihr Buch „Class Power on Zero-Hours“ auf deutsch. Für den Zoom-Link bitte eine E-Mail an: angryworkersworld@gmail.com

„Class Power on Zero-Hours“ hat 392 Seiten, kostet zehn Euro zuzüglich 3 Euro Porto. Für Bestellungen schreibt bitte an: angryworkersworld@gmail.com

Interview: Benjamin Herr

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