„Uns bleibt keine andere Wahl“: ADM, eine Akademie als Fluchtpunkt in die Demokratische Moderne

Foto: ADM

Heute geht die Website der Akademie der Demokratischen Moderne (ADM) online. Die Initiator*innen berichten, welche Ziele die ADM verfolgt, was hinter Begriffen wie „Demokratische Moderne“ steckt und was die ADM mit der Pariser Kommune zu tun hat.

Die Akademie der Demokratischen Moderne (ADM) ist ein Zusammenschluss von Aktivist*innen aus unterschiedlichen Kontexten und sozialen Bewegungen Europas. Ausgehend von Konzepten der kurdischen Freiheitsbewegung dient sie als Ort des Gedankenaustausches, der gemeinsamen Bildung und Debatte über Alternativen zur bestehenden Weltordnung. Pünktlich zu ihrem Website-Launch sprachen die Initiator*innen der ADM mit mosaik-Redakteur Hannes Grohs.

mosaik-Blog: Ihr habt gerade die Akademie der Demokratischen Moderne (ADM) gegründet. Welche Ziele verfolgt die Akademie?

ADM: Wir sehen unsere Aufgabe in der Bildungsarbeit zur Schaffung eines neuen Verständnisses von demokratischer Politik, gesellschaftlicher Aufklärung und eines neuen politisch-moralischen Bewusstseins. Diese Werte bilden die Grundlagen einer freien Gesellschaft. Gleichzeitig betrachten wir das Stricken von neuen Netzwerken und Verbindungen zwischen demokratischen Kräften als Voraussetzung für den Aufbau der Demokratischen Moderne. Über die Schaffung von Foren und Plattformen wollen wir zur Stärkung des internationalen Erfahrungsaustausches beitragen und bestehende Kämpfe verbinden.

Demokratische und Kapitalistische Moderne klingen nach sperrigen Begriffen. Was steckt dahinter?

Beide Begriffe entspringen der Theorie und dem politischen Denken Abdullah Öcalans. Er ist den meisten wohl eher als Repräsentant der kurdischen Freiheitsbewegung bekannt. Abdullah Öcalan analysiert in seinen Schriften die Geschichte der Zivilisation als Kampf zwischen zwei Linien. Sie haben immerzu parallel zueinander aber im ständigen Widerstreit miteinander existiert. Auf der einen Seite der Geschichte stehen dabei die Widerstände der Gesellschaft. Die Ausgebeuteten und Unterdrückten, die Frauen und die Jugend sowie alle Versuche eines selbstbestimmten und freien Lebens. Auf der anderen Seite finden wir die Geschichte der Herrschenden, der Staaten und Imperien, der Könige und Despoten. Wir gehen davon aus, dass auch heute zwei „Modernen“ parallel zueinander existieren. Die Intensität der Krise der Kapitalistischen Moderne nimmt für die Menschen weltweit spürbar zu und die Ablehnung wächst.

Mittlerweile stellen breite Kreise die Frage nach Alternativen. In den Massenprotesten und Aufständen der vergangenen Jahre, dem Neuerwachen einer globalen Frauenbewegung, der jungen Klimagerechtigkeitsbewegung, den Protestbewegungen gegen Rassismus und weiße Vorherrschaft. Aber auch in den Massenstreiks in Industrie und Landwirtschaft, vor allem im Globalen Süden, wird die Demokratische Moderne fassbar und nimmt Gestalt an. Die alte und die neue Welt – die Kapitalistische Moderne und die Demokratische Moderne – existieren heute schon nebeneinander und ineinander verschränkt. Doch während die Kapitalistische Moderne ein hochorganisiertes und weltumspannendes System darstellt, ist die Alternative bis heute unorganisiert, zersplittert und ohne einen strategischen und vereinigenden Vorschlag der gemeinsamen Organisation. Unter der Demokratischen Moderne verstehen wir auch den Vorschlag, die voneinander isolierten Kämpfe unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen.

Das Datum, an dem ihr eure Website präsentiert, fällt mit Jahrestag der Errichtung der Pariser Kommune 1871 zusammen. Welche Relevanz hat die Pariser Kommune für die Arbeit der ADM?

Wir finden es wichtig, an die Geschichte demokratischer und revolutionärer Bewegungen anzuknüpfen und aus der Vergangenheit zu lernen. Die Pariser Kommune hat in der Epoche der Kapitalistischen Moderne, als einer der konkretesten Versuche ein anderes Leben zu schaffen, Symbolcharakter gewonnen. Die Kommune mit ihrer basisdemokratischen Organisationsform, in welcher die Menschen sich selbst ermächtigen und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen, ist für uns das konkrete Modell wie eine Gesellschaft sich selbst verwalten kann. Im Demokratischen Konföderalismus ist die Kommune die kleinste Zelle gesellschaftlicher Selbstorganisation.

Demokratischer Konföderalismus kann als Modell gesellschaftlicher Verwaltung ohne Staat verstanden werden. Im Gegensatz zu einem zentralistisch-bürokratischen Verständnis von Verwaltung und der Ausübung von Macht ist der Demokratische Konföderalismus eine Art der politischen Selbstverwaltung. Alle Gruppen der Gesellschaft und alle kulturellen Identitäten können sich dabei auf regionalen Treffen, allgemeinen Versammlungen und in Räten äußern. Dieses Demokratieverständnis eröffnet den politischen Raum für alle Gesellschaftsschichten und berücksichtigt die Bildung verschiedener und vielfältiger politischer Gruppen. Ganz praktisch findet dieses Modell heute seine Anwendung in der autonomen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens und anderen Teilen Kurdistans.

Eurer Analyse nach befinden sich demokratische Kräfte gerade in einer Krise. Warum? Und wie wollt ihr das ändern?

Mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus Anfang der 1990er Jahre verschärfte sich eine ideologische Krise. Wir haben sie bis heute nicht überwunden. Ideologen des kapitalistischen Systems wie der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama deuteten damals das Scheitern der „einzigen realexistierenden Alternative“ um. Und zwar zum Scheitern der Suche nach einer anderen Welt an sich. Das Scheitern des Realsozialismus – aber auch aller anderen antisystemischen Aufbrüche des 20. Jahrhunderts – sehen wir vor allem darin begründet, dass es den meisten Bewegungen nicht gelang, sich von den herrschenden Denkschulen zu lösen.

Gesellschaftliche Transformation ist nur erfolgreich, wenn neben der ökonomischen und politischen Struktur auch die Mentalität einem radikalen Wandel unterzogen wird.

Wir denken einen Beitrag zur Überwindung der Krise leisten zu können: Mit einem neuen Verständnis demokratischer Politik, das nicht darauf abzielt, den Staat zu erobern, sondern durch Selbstverwaltung von unten überflüssig zu machen. Und einer ganzheitlichen Gesellschaftsanalyse, die soziale Probleme in ihrer Vielfalt und Verschränkung betrachtet, statt auf einzelne Kategorien zu reduzieren.

Ihr seid nicht die ersten, die versuchen, demokratische Kräfte zu vernetzen und zu organisieren. Warum braucht es die ADM?

Natürlich können wir als ADM auf vielen Erfahrungen und anderen Projekten mit ähnlicher Zielrichtung aufbauen. Wir begreifen uns als Teil eines weltweiten Aufbruchs, der sich in unterschiedlichen Formen, Strömungen und auch ideologischen Ausdrücken konkretisiert. Aber wir sehen bei vielen ähnlichen Projekten, dass es oft an einer gemeinsamen Strategie, einer klaren Stoßrichtung und einer Verbindung zwischen Theorie und Praxis mangelt.

Im Paradigma der Demokratischen Moderne Abdullah Öcalans und dem Demokratischen Weltkonföderalismus sehen wir ein Konzept, das sowohl vereinheitlichen als sich auch flexibel an lokale Gegebenheiten anpassen kann. Der Unterschied zwischen ADM und anderen Projekten liegt daher für uns in der zu Grunde liegenden Theorie. Dabei ist das Paradigma der Demokratischen Moderne mit seinen drei Säulen der radikalen Demokratie, der Frauenbefreiung und der Ökologie kein Konzept, das nur für die Gesellschaften Kurdistans und des Mittleren Ostens relevant ist. Sondern weit darüber hinaus.

Die Erfahrungen der Revolution in Kurdistan haben dazu beigetragen, dass demokratische und sozialistische Kräfte weltweit neue Inspiration gefunden haben. Sie haben den Glauben an die Möglichkeit einer Welt jenseits der jetzigen wachsen lassen. Heute gibt es eine globale Diskussion darüber, wie sich Erfolge demokratischer Selbstorganisierung auf unterschiedliche Realitäten und Kontexte anwenden lassen. Wir können diese Diskussionen so nicht stehen lassen, sondern denken, dass wir sie zu Ende und praktisch erproben müssen. Darin sehen wir die Aufgabe von ADM und deshalb braucht es ADM.

Wie geht es ab heute weiter?

Wir beginnen heute mit dem Launch unserer Website. Dort werden wir in den kommenden Monaten verschiedene politische Analysen, Texte zu den Säulen des Paradigmas der Demokratischen Moderne sowie Arbeiten zu demokratischer Geschichtsschreibung veröffentlichen. Außerdem planen wir die Publikation verschiedener Bildungsmaterialien und Broschüren, um die Grundlagen unserer Theorie zu vermitteln. Wenn es uns gelingt, demokratische Politik im Alltag auszuweiten – durch Bündnisse, Räte, Kommunen, Kooperativen, Akademien –, wird sich die politische Kraft der Gesellschaft entfalten und für die Lösung gesellschaftlicher Probleme zum Einsatz kommen.

Wir sind überzeugt davon, dass uns keine andere Wahl bleibt. Die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen schreitet rasant voran. Verheerende Kriege greifen gleich einem Lauffeuer um sich und Faschismus und autoritäre Regierungsformen nehmen überhand. Wir denken, dass heute eine andere Welt nicht nur möglich, sondern in Anbetracht der Weltlage bitter nötig ist. Noch länger zu warten, wäre Wahnsinn. Mit dem Paradigma der Demokratischen Moderne haben wir eine zeitgemäße Vision einer anderen Welt und einen undogmatischen politischen Ansatz, der Unterschiedlichkeiten akzeptieren kann. Wir setzen auf Einheit in der Vielfalt und versuchen ideologische Gräben zu überwinden und unsere geteilten Werte und Interessen in den Vordergrund zu stellen.

Interview: Hannes Grohs

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