3 Gründe, warum es in der Pflege so nicht weiter gehen kann

Durch die aktuellen Kollektivvertragsverhandelungen stehen zwei wichtige Aspekte des Arbeitsalltags der Beschäftigten in der Pflege im Fokus: Arbeitszeit und Entlohnung. Das ist für Hanna Lichtenberger nicht genug. Sie plädiert dafür, auch die Organisation der Pflegearbeit in den Blick zu nehmen und eine grundlegende Reform des Pflegesektors anzugehen.

Die Sicherstellung von Pflege und Betreuung ist eine drängende Aufgabe unserer Gesellschaft, drei (demografische) Entwicklungen machen raschen Handlungsbedarf deutlich:

  • Menschen werden im Durchschnitt älter und die Babyboomer werden in den kommenden Jahrzehnten Pflege- und Betreuungsbedarf haben, auch wenn die Anzahl der „gesunden Jahre“ steigt.
  • Haushaltsstrukturen verändern sich: das Verhältnis jener Menschen, die typischerweise informelle Pflege leisten könnten wird gegenüber den 80-Jährigen von vier 2015 auf 1,6 2060 sinken.
  • Der Wertewandel der eigenen Kinder die häusliche Unterbringung betreffend.

Daraus abzuleiten ist ein gesteigerter Bedarf an professionellen Pflegekräften. Konkret braucht es im Bereich der mobilen und stationären Pflege bis 2030 rund 24.000 und bis 2050 79.000 zusätzliche Pflegekräfte. Nachwuchs ist aber nicht einfach zu finden, schon jetzt können nicht mehr alle Träger offene Stellenangebote besetzen. Ein Viertel der Beschäftigten im Gesundheitsbereich denkt mindestens einmal im Monat darüber nach, den Job zu wechseln. Das verwundert nicht, wenn etwa knapp die Hälfte der Beschäftigten in der stationären Pflege angibt, die Arbeitsbedingungen hätten sich in den letzten Jahren verschlechtert. Auch gehört Diskriminierung offenbar zum Pflegealltag: 16 Prozent der mobilen Pflegekräfte erleben Rassismus mindestens einmal im Monat und 28 Prozent zumindest einmal im Monat sexistische Übergriffe.

Unzufriedenheit gibt es insbesondere mit der Arbeitszeit, der Entlohnung und der Organisation der Arbeit.

1) Löhne und Gehälter sind zu niedrig

In den Jahren 2004 bis 2014, in denen sich die Inflation laut Statistik Austria auf 23,1 Prozent belief, stiegen die Brutto-Einkommen im privaten Gesundheits- und Sozialbereich um 29,4 Prozent. Netto blieb ArbeitnehmerInnen quasi nichts übrig: In der Verwendungsgruppe 1 des Kollektivvertrags der Sozialwirtschaft, der auch viele Pflegeberufe abdeckt, erhielten KollegInnen 24 Prozentpunkte Lohnsteigerung, in Verwendungsgruppe 9 24,5 Prozentpunkte – und damit nur knapp mehr als die Inflation. Geschätzt wird, dass die Einkommen im Sozialbereich rund 20 Prozent unter dem österreichischen Durchschnitt liegen. Weil die Sozialbranche weiblich ist, ergibt sich daraus (neben Sexismus, Vollzeit/Teilzeit) der Gender Pay Gap zwischen Männern und Frauen.

2) Arbeitszeit ist zu lang

Dass eine Arbeitszeitverkürzung mit Personalausgleich für die Beschäftigten nur Vorteile bringt, liegt auf der Hand. Weniger Stress und emotionale Belastung sind dringend von Nöten: Eine Studie der Gewerkschaft zeigt, dass 29 Prozent der Befragten im Sozialbereich „emotional stark belastet“ sind – TeilzeitarbeiterInnen sind davon etwas weniger betroffen. Unzufrieden sind vor allem jene KollegInnen, die häufig Mehr- und Überstunden leisten. Ungeplante Mehr-und Überstunden erschweren die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, fehlende Ruhezeiten führen zu Erschöpfung und Belastung.

Schlussfolgerung aus den genannten Zahlen darf aber nicht nur eine Arbeitszeitverkürzung sein, sondern auch der Personalausgleich. Denn die Arbeit wird nicht weniger, es braucht mehr Leute, die sie verrichten.

3) Die Taylorisierung der Pflege produziert Unzufriedenheit

Der neoliberale Umbau und die „Strukturanpassungen“ in allen Bereichen sozialer Infrastruktur prägen auch die Pflege und Betreuung. Gewinnversprechende Bereiche wurden privatisiert – Methoden neoliberaler Betriebswirtschaft finden auch in der Pflege und Betreuung Eingang. Zu beobachten ist auch eine Auslagerung staatlicher Aufgaben auf private, gewinnorientierte Anbieter.

Die Pflegebeziehung wurde in einzelne Pflegeschritte unterteilt, die von Pflege- und Betreuungskräften unterschiedlicher Ausbildungswege erledigt werden. Diese Taylorisierung der Pflege sollte Erfahrungen und Arbeitsweisen aus der industriellen Produktion – vor dem Hintergrund der Kostenersparnis und angeblicher Effizienz – in die Pflegebeziehung einbringen.

Dahinter steht der Versuch, durch Zersplitterung der Tätigkeiten in jene, die eine langjährige Ausbildung erfordern (Diagnostik, Wundversorgung, Verabreichung von Medikamenten) von jenen zu trennen, die dies scheinbar nicht notwendig machen (Körperpflege, haushaltsbezogene Tätigkeiten, Gespräche, Spaziergänge). Die Pflege soll dadurch günstiger werden. Die Fragmentierung der Arbeit erfordert eine genaue Dokumentation der Tätigkeiten. Das bindet enorme Zeit- und Geldressourcen. Dabei geht es nicht um die selbstredend wichtige Dokumentation von Medikation oder anderer gesundheitsrelevanter Informationen, sondern das minuziöse Festhalten für die Buchhaltung. Für welche Tätigkeiten es keine Spalte in der Dokumentation gibt, ist ebenfalls durch betriebswirtschaftliche Überlegungen determiniert .

Für die Pflege- und Betreuungskräfte bedeutet die Taylorisierung ihrer Arbeit, dass eigenes Ermessen, der Einsatz gelernten Wissens und eigener Erfahrung über eine konkrete Tätigkeit und individuelle Betreuung nicht erwünscht sind. Oft versuchen MitarbeiterInnen, fehlende Zeit bei den KlientInnen durch unbezahlte Arbeit in der Freizeit auszugleichen. Die „Stechuhr im Hinterkopf“ erschwert die Beziehungsarbeit. Denn Pflege und Betreuung brauchen Vertrauen und Kommunikation, nicht nur die Aneinanderreihung geplanter Tätigkeiten. PflegeexpertInnen warnen: „Warm, satt, sauber“ ist weder eine sinnvolle sozialpolitische Zielsetzung, noch schafft dieser Ansatz Anreize für die Arbeit in den Pflegeberufen.

Kein weiterwurschteln

Die Kollektivvertragsverhandlungen können nicht alle Probleme der Pflege lösen. Vieles fällt in die Kompetenz der Länder und der Bundesregierung. Sie entscheiden letztlich, wie viele Ressourcen sie für die Pflege zur Verfügung stellen. Um KlientInnen und Pflegekräften gerecht zu werden, kann die Politik nicht weiterwurschteln. Es braucht eine grundlegende Reform der Pflege, die die Menschen und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. Einer solchen Reform voran gehen, muss eine Debatte darüber, wie wir alle begleitet werden wollen, wenn wir Pflege und Betreuung in Anspruch nehmen müssen und unter welchen Bedingungen andere Menschen diese Begleitung leisten können.

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