Junge Grüne: „Wir haben da in Österreich ein richtiges Vakuum…“

Wer sind die Jungen Grünen, wofür stehen sie – und wo sehen sie ihren politischen Auftrag? Martin Konecny hat Diana Witzani, die Sprecherin der Jugendorganisation, für mosaik interviewt.

Martin Konecny: Warum engagierst du dich bei einer parteipolitischen Jugendorganisation wie den Jungen Grünen?

Diana Witzani: Also am Anfang ist da das Gefühl, dass ganz viel in der Welt schief läuft und man fühlt sich allein – und dann trifft man auf diesen Haufen cooler, linker, junger Menschen. Das habe ich als Ausweg aus meiner Hilflosigkeit gesehen. Am Anfang war es ganz leicht, mitzumachen und mit der Zeit gab es dann eine Reihe von Faktoren, die mich bei den Jungen Grünen gehalten haben. Ich habe von Anfang an nicht viel mit den Grünen als Partei zu tun gehabt, sondern die Jungen Grünen als eigenständiges Projekt erlebt, wo junge Menschen sich politisieren, wo sie sowohl Inhalte als auch Fähigkeiten gemeinsam erarbeiten.

Martin Konecny: Was unterscheidet für dich die Jungen Grünen von anderen politischen Jugendorganisationen wie z.B. der SJ? 

Diana Witzani: Ich finde andere linke Jugendorganisationen eigentlich auch sehr cool. Und zum Beispiel mit der Julia Herr (SJ-Vorsitzende, Anm.) können wir sehr gut – wir haben sie zu unserem Bundeskongress eingeladen und mit ihr diskutiert. Ich denke schon, dass wir ziemlich ähnliche Vorstellungen haben. Inhaltlich unterscheidet uns sehr wenig. Auf der anderen Seite gibt es die Organisationsfrage. Wir als Junge Grüne haben sehr wenig Einfluss innerhalb der Grünen und daher auch einen ganz anderen Fokus: Wir versuchen zu wachsen, in die Breite zu gehen und Leute zu politisieren.

Martin Konecny: Du sagst, ihr politisiert die Leute. Was sind da für euch die zentralen Themen, mit denen ihr das macht? Was sind die Inhalte eurer Kampagnen?

Diana Witzani: Das ist sehr breit. Eine Kampagne, die sehr kontrovers diskutiert wurde, war z.B. „legalize it“, wo wir die Legalisierung von Cannabis gefordert haben. Davor haben wir uns unter dem Motto “Kein Mensch ist illegal” intensiv mit Rassismus, Rechtsextremismus und nicht zuletzt dem europäischen Grenzregime beschäftigt. Und dieses Jahr werden wir uns vor allem mit dem Thema Freiraum beschäftigen, also: Wer kann sich wo und wie in der Stadt aufhalten, für wen ist der öffentliche Raum da und wer entscheidet, wie dieser aussieht? Ist das ein Raum, in dem reiche Menschen einen Kaffee trinken und die Aussicht genießen oder einer, der von allen Menschen mitgestaltet wird und in dem man sich auch länger aufhalten kann, ohne etwas zu konsumieren?

Martin Konecny: Die Themen, zu denen ihr Kampagnen macht – wählt ihr die aus, weil ihr damit junge Menschen gut erreichen könnt, oder versucht ihr auch tatsächlich in diesen Bereichen was zu verändern?

Diana Witzani: Auf der einen Seite ist da unsere Bildungsarbeit, wo wir uns mit politischen Fragen auseinandersetzen und Forderungen entwickeln. Auf der anderen Seite ist dann die Kampagne, mit der wir nach außen gehen. Wir versuchen natürlich, mit unseren Kampagnen Menschen zu erreichen und ein öffentliches Profil zu bekommen, damit mehr Jugendliche zu uns kommen. Ich überschätze da unsere Wichtigkeit auch nicht: Wenn wir in einem Bereich etwas fordern, dann wird sich da nicht automatisch etwas ändern. Aber ich denke schon, dass wir einen Teil dazu beitragen können, unsere Themen in den medialen Diskurs zu bringen und andere anzustoßen, auch etwas zu unternehmen. Und wenn dann mehrere etwas machen, dann können wir etwas bewirken.

Martin Konecny: Daran anschließend, was ist eure politische Perspektive? Habt ihr ein Ziel – „das gute Leben“, „den Sozialismus“ oder die „solidarische Gesellschaft“? Und wenn ja, wie wollt ihr dort hinkommen? Welche Rolle spielen Parteien wie die Grünen, ihr als parteipolitische Jugendorganisation und welche Rolle spielen soziale Bewegungen und Kämpfe?

Diana Witzani: Schwierig. Also es gibt Leute, die sagen, dass Veränderung nur von sozialen Bewegungen ausgehen kann und dass Parteipolitik tot ist. Ich sehe das etwas anders, ich glaube nicht, dass der Parlamentarismus ganz tot ist. Ich denke, dass Parteien durchaus noch eine Funktion haben. Wir als Junge Grüne haben auch immer ganz klar gesagt, dass unsere wichtigste Aufgabe ist, junge Menschen zu politisieren. Uns ist es dabei eigentlich egal, ob sich die Leute nachher bei den Grünen engagieren. Uns ist wichtig, dass sie raus gehen, gefestigt sind und eine Vorstellung haben, wie sie Dinge verändern und sich organisieren können. Da ist es nicht wichtig, ob sie sich bei den Grünen, in einer sozialen Bewegung oder einer anderen linken Partei engagieren. Wir können nicht wirklich sagen, wo die Revolution beginnt, aber natürlich braucht es eine Vision, und ich kann mit Schlagworten wie solidarische Gesellschaft oder demokratischer Sozialismus natürlich etwas anfangen. Dazu gehört natürlich auch ein Bruch mit dem Neoliberalismus.

Martin Konecny: Die Jungen Grünen sind eine recht neue Organisation, die auch sehr schnell gewachsen ist. Ich kann mir vorstellen, dass das Probleme mit sich bringt, wenn eine kleine, politisch sehr überzeugte Gruppe plötzlich mit ganz vielen Jugendlichen arbeitet, die politisch noch nicht gefestigt sind. Wie geht ihr damit um?

Diana Witzani: Das ist voll spannend und natürlich eines der zentralen Themen, das uns bei der Organisationsentwicklung beschäftigt. Wir haben den Anspruch, aus vielen unterschiedlichen Menschen zu bestehen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen zu uns kommen. Wir wollen nicht ein kleiner elitärer Kreis sein, aus Leuten die schon perfekt gendern können und schon eine umfassende Kapitalismuskritik haben. Wir wollen Menschen organisieren, die das Gefühl haben, etwas verändern zu müssen. Wir sind auch tatsächlich ziemlich divers. Manche kommen, weil sie ein bestimmtes Thema bewegt – andere, weil sie die Grünen gut finden und manche auch deshalb, weil sie bewusst ein linkes Projekt vorantreiben wollen. Das alles auf einen Nenner zu bringen ist natürlich schwer, aber darin liegt auch unsere Stärke.

Martin Konecny: Wenn du sagst, ihr seid divers, gilt das dann vor allem für die Themen, oder auch für die Leute? Die Grünen haben ja dieses “Bobo”-Image und ich kann mir vorstellen, dass sich das auch auf die Leute auswirkt, die sich bei euch organisieren.

Diana Witzani: Ja klar, wir sind die Anlaufstelle für Bobo-Kinder, die halt auch Zeit haben (das ist auch gar nicht bös‘ gemeint). Es ist außerdem unheimlich schwer, als Organisation Lehrlinge zu erreichen oder andere, die nicht so viel Zeit haben, sich bei den Jungen Grünen zu engagieren. Ich kann das letztendlich auch nur machen, weil mich meine Eltern beim Studium finanziell unterstützen. Wenn ich das nicht hätte und 20 Stunden die Woche nebenher arbeiten müsste, könnte ich auch nicht Bundessprecherin sein. Wir versuchen natürlich, auch andere zu erreichen, indem wir niederschwellige Angebote machen und auch Zeiten und Orte für Veranstaltungen entsprechend auswählen, aber es ist verdammt schwer. Genauso haben wir auch einen Gender-Gap. Seit 5 Jahren haben wir aber auch eine bewusste Genderstrategie. Wir versuchen gezielt, junge Frauen anzusprechen und zu organisieren. Das ist harte Arbeit, aber es trägt Früchte.

Martin Konecny: Wie macht ihr das? Über eure Kampagnenarbeit, über feministische Themen?

Diana Witzani: Ja, aber durch feministische Themen sprechen wir kaum Frauen an. Wir haben uns da viele Gedanken gemacht, wie wir Frauen ansprechen, sie in der Organisation halten und dann auch in Führungsfunktionen bekommen. Themen, die da besser funktionieren, sind z.B. „gratis Öffis“ oder soziale Themen. Dieses mackerhafte Antifa-Thema ist hingegen total abschreckend. Feminismus funktioniert natürlich bei Frauen, die da schon ein Vorwissen haben, aber wir wollen auch andere erreichen.

Martin Konecny: Zurück zur Parteipolitik: Auch wenn die Grünen nicht euer wichtigstes Kampffeld sind, warum sind sie dennoch der Ort, an den ihr anknüpft?

Diana Witzani: Ich kritisiere die Grünen sehr gerne und sehr viel, aber ich denke schon, dass sich da leichter was bewegen lässt. Es gibt dort sehr viele linke engagierte Menschen. Nur: So, wie es derzeit läuft, ist es natürlich Scheiße. Die Tendenz geht dahin, dass die Basis immer weiter geschwächt wird und die Parteispitze immer mehr Entscheidungen alleine trifft, bzw. diese an “ExpertInnen” auslagert. Diese Logik beschert uns dann so schöne Sachen wie das EVA-Magazin oder Lämmer auf Plakaten. Den Anspruch als demokratische BürgerInnnenbewegung haben sie leider verloren. Klar muss man Themen auch gut kommunizieren, aber die Vorstellung, wir machen hübsche Bilder, um Stimmen zu bekommen, um dann in die Regierung zu kommen und dann gute Politik zu machen, ist halt ein Trugschluss. In welcher Gesellschaft leben wir, wenn wir die Menschen nicht mehr als Subjekte ernst nehmen, die selber etwas verändern können?

Martin Konecny: Gibt es Punkte, wo du bzw. auch die Jungen Grünen sagen würden, da kann ich nicht mehr mit und mit den Grünen brechen?

Diana Witzani: Also ein klarer Punkt wäre natürlich eine Koalition mit der FPÖ. Insgesamt geht es darum, ob die Grünen weiter ihre Grundsätze aufgeben.

Martin Konecny: Ihr seid ja auch in verschiedenen Bündnissen aktiv und in der Linken gut vernetzt. In Europa passiert derzeit auch viel, mit Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien. Welche Perspektiven hat linke Reorganisierung für euch gerade?

Diana Witzani: Wir haben da in Österreich ein richtiges Vakuum, von dem ich mir wünschen würde, dass es die Grünen ausfüllen – was aber nicht passiert. Es gibt niemanden, der Antworten auf die Fragen und Probleme wie Arbeitslosigkeit hat oder ob Neoliberalismus wirklich ohne Alternative ist.

Martin Konecny: Und abschließend, was denkst du, sind in den kommenden Jahren die zentralen politischen Auseinandersetzungen?

Diana Witzani: Das ist ganz klar die Sozialpolitik, alles was mit dem Abbau sozialer Leistungen zu tun hat. Und damit verbunden, die Frage der Organisierung. Ich find das in dem Zusammenhang auch so komisch, wenn die Grünen über Bio reden, wenn die Frage ist, ob sich die Menschen das Essen noch leisten können.

Diana Witzani studiert Germanistik und Philosophie in Graz und ist Sprecherin der Jungen Grünen.

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