Wahltag der Ängste

Bild: Simon Matzinger

Viele von uns haben Angst vor dem heutigen Wahlergebnis und dem, was folgt. Doch Angst hilft uns nicht, etwas zu bewegen. Warum wir anders mit Ängsten umgehen sollten, erklärt Mahsa Ghafari.

Am heutigen Wahlsonntag hat der Machtkampf um den Einzug in den Nationalrat vorerst ein Ende. Es war ein Wahlkampf mit so vielen Skandalen, dass es zwischendurch kaum möglich war den Überblick darüber zu bewahren, wer wen “anpatzen” wollte oder wer mit wem unter einer Decke steckt. Die Rolle der österreichischen Boulevardmedien, insbesondere die der Kronen Zeitung, war in den letzten Wochen bizarr. Die HerausgeberInnen hätten ihre Sympathien kaum deutlicher ausdrücken und ihre Ablehnung gegenüber dem Kandidaten, mit dem sie am wenigsten sympathisieren, kaum plumper und sexistischer darstellen können.

Die Ängste der Menschen

In den Debatten um das bevorstehende Wahlergebnis wurden vor allem Ängste und Unsicherheiten in der Bevölkerung als ausschlaggebende Faktoren für einen möglichen weiteren Rechtsrutsch analysiert. So stiegen also die Beteiligten von Links und Rechts auf die Bühne der Ängste und rangen miteinander.  Nicht etwa um diese Ängste abzubauen, sondern um Stimmen aus ihnen zu machen.

Was wir in den letzten Wochen sahen war weniger Politik, sondern eher ein Theater des inszenierten Ernstnehmens von Ängsten der Bevölkerung. Inmitten dessen fiel mir etwas auf, das ich bisher so noch nicht bemerkt hatte: eine andere Furcht vieler Menschen, und zwar die vor einer möglichen autoritären Wende. Es war unmöglich, nicht zu bemerken und zu spüren, dass es große Ängste vor einer schwarz-blauen Regierung gibt. “Fürchtest du dich nicht vor den Wahlergebnissen?”, fragte mich beispielsweise ein Freund kürzlich auf seiner Geburtstagsfeier. Auch viele andere äußern Angstgefühle, unter anderem auch in Kommentaren auf sozialen Netzwerken.

Aus dem Horrorszenario ausbrechen

Die Menschenrechtskonvention wird attackiert, diskriminierende Gesetze erlassen, Rassismus nimmt zu, Sozialleistungen werden abgebaut, Gewerkschaften und Arbeiterkammer bedroht – davor haben viele Angst. Vom Sozialabbau bis hin zum Bürgerkrieg malen sich viele hier, in einem der sichersten und privilegiertesten Länder, die schlimmstmöglichen Szenarien aus. Aber warum bestehen diese Ängste? Und sind sie, etwa im Gegensatz zu den Ängsten “der Anderen”, berechtigt? Ich meine damit nicht, dass es keine berechtigten Gründe zur Sorge gibt vor einer Politik, die bestimmte Menschen noch weiter diskriminiert und entrechtet. Diesen Tendenzen gilt es mit Wachsamkeit und starkem Zusammenhalt entgegenzutreten.

Der Schutz von ArbeitnehmerInnen oder die Menschenrechtskonvention wurden jedoch in einer Zeit durchgesetzt, in der die Bedingungen noch wesentlich schwieriger waren als heute. Es ist davon auszugehen, dass damals eher der Mut, Zusammenhalt und die Entschlossenheit der Menschen, die sich für Veränderungen eingesetzt haben, in diesem Prozess für den richtigen Antrieb gesorgt haben – und nicht in erster Linie Angst.

In der aktuellen politischen Situation erleben viele jedoch auch Selbstzweifel und Versagensgefühle. Warum? Weil wir diesen Rahmen von einem Kampf innerlich mittragen, der in den meisten politischen Diskussionen, wo Parteien gegeneinander antreten, vorgegeben wird. Eine konstruktive Debatte wird so fast unmöglich. Dieser politische Machtkampf wird zu einem Kampf zwischen “uns” und “den anderen”, zwischen Gut und Böse. Einem Kampf, bei dem es keine Gewinner geben kann, wenn es so viele Geschädigte gibt und die Spaltung in der Gesellschaft nach jedem Wahlkampf ein Stück größer wird. Vielleicht ist es Zeit, dass wir aus der Betrachtungsweise von Sieg und Niederlage ausbrechen. Betrachten wir diese Auseinandersetzung als das, was sie ist: ein laufender Prozess und kein einmaliges Ereignis, mit dem unser Einsatz für gesellschaftliche Veränderung endet. Wahlen sind nur ein Baustein der Demokratie und bei weitem nicht die einzige Möglichkeit für uns, die Zukunft mitzubestimmen und mitzugestalten.

Aus Angst kann Entschlossenheit werden

Ja, setzen wir uns aufrichtig mit Ängsten auseinander. Und zwar nicht nur mit denen jener Menschen, die ihre Stimme Parteien geben, die Hetze und Spaltung vorantreiben, sondern gerade mit all jenen, die dies nicht tun und Angst vor den Folgen dieser Politik haben. Angst und Panik können uns in Gefahrensituationen zu Höchstleistungen befähigen und damit das Leben retten. Doch in der politischen Auseinandersetzung ist wiederkehrende oder dauerhafte Angst kein guter Begleiter. Erkennen wir unsere Angst vor dem, was auf uns zukommt an, aber lassen wir uns nicht von ihr lähmen. Durch ihre Überwindung wird uns oft Essentielles bewusst und dadurch sind wir erst in der Lage, über uns hinauszuwachsen und sie in Zusammenhalt, Entschlossenheit und Kraft zu verwandeln.

 

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