Die Reichen liegen uns auf der Tasche

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Ob in der Flüchtlingsdebatte, bei der Höhe der Mindestsicherung oder jüngst bei den Pensionen, ein Argument klebt an aktuellen politischen Debatten wie Kaugummi: „Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten!“ Hinter dem alle Jahre wiederkehrenden, neoliberalen Angriff auf die sozialen Sicherungssysteme versteckt sich „Klassenkampf von oben“. Nikolaus Dimmel hat das kürzlich anhand der Debatte um die Mindestsicherung bereits auf mosaik angemerkt. Wir sollen glauben, dass wir uns „die Armen“ nicht mehr leisten können. In Wirklichkeit ist es aber genau umgekehrt: Nicht die Armen, sondern die Reichen liegen uns sprichwörtlich auf der Tasche.

Österreich gilt europaweit als eines der Länder mit der höchsten Vermögensungleichheit (Gini-Koeffizient von 0,76 für Netto-Vermögen). Die reichsten 5 Prozent besitzen hierzulande rund 45 Prozent des Gesamtvermögen; die untersten 50 Prozent nur knapp 4 Prozent. Die Vermögensverteilung in Österreich hat damit die Form eines „Klobesens“. Ganz Wenige stehen an der Spitze und haben ganz viel Vermögen zu Verfügung, während ganz viele ganz unten stehen.

Damit gibt es bei der Verteilung der Vermögen in Österreich auch keine breite Mittelschicht, wie wir sie etwa bei der Einkommensverteilung sehen. Hilde Weiss und ich haben in einer Studie herausgearbeitet, dass sich gerade anhand der Vermögensverteilung die Klassenstruktur der österreichischen Gesellschaft besonders gut zeigen lässt.

Sieht man sich genauer an, wer zu den obersten 5 Prozent gehört und wie sie dort hingekommen sind, so offenbaren sich einige interessante Muster:

1.    Wer oben ist, bleibt oben – wer unten ist, bleibt unten

Entgegen dem Mythos vom „amerikanischen Traum“ (von der Tellerwäscherin zur Millionärin) ist es den meisten ArbeitnehmerInnen kaum möglich, wirklich reich zu werden. Das hat zweierlei Gründe: Erstens  beziehen nur die obersten 5 Prozent in relevantem Ausmaß Kapitaleinkommen (also Einkünfte aus Mieten, Zinsen oder Beteiligungen). Demgegenüber haben die untersten 40 Prozent kaum relevante Kapitaleinkünfte – sie beziehen nur Einkünfte aus Arbeit. Aber: durch Arbeit allein wird man selten reich.

Zweitens spielt Erben in Österreich eine zentrale Rolle bei der Vermögensakkumulation. Es erhalten nur etwa 10 Prozent der ärmeren Haushalte, aber 75 Prozent der reichsten Haushalte in Österreich ein Erbe – und auch die durchschnittlichen Summen sind hier höchst unterschiedlich: Von 14.000 Euro am unteren Ende zu über 240.000 Euro bei den obersten 20 Prozent. In einer kürzlich erschienenen Studie des WU-Institutes INEQ wird genauer gezeigt, wie wichtig das Erbe für die Position auf der Vermögensverteilung ist: Ein/e LohnabhängigeR muss etwa die Hälfte der Einkommensverteilung überspringen, um den Einfluss einer Erbschaft auf seine/ihre relative Vermögensposition auszugleichen. Die Startchancen der verschiedenen Haushalte sind also höchst ungleich.

2.    Reichtum ist männlich

Nicht nur bei der Einkommens-, sondern auch bei der Vermögensverteilung gibt es starke Anzeichen für einen gender gap. Leider gibt es derzeit für Österreich nur Daten auf Haushaltsebene, nicht auf Individualebene. Diese zeigen aber, dass das durchschnittliche Vermögen von weiblichen Single-Haushalten in Österreich um gut 40 Prozent niedriger ist, als das der männlichen Single-Haushalte. Mit steigender Bildung nehmen die Unterschiede im Netto-Vermögen zwischen Männern und Frauen weiter zu. Frauen erben auch anders bzw. weniger. Frauen können damit nie so hohe Vermögen anhäufen wie Männer.

3.    Die sozialen Unterschiede werden vertuscht

Der offensichtlichen Vermögensungleichheit zum Trotz ordnen sich die meisten Menschen eher der „Mitte“ zu. Damit überschätzen sich ärmere Haushalte, während reiche Haushalte sich unterschätzen. Martin Schenk  argumentiert, dass dieser falschen Selbsteinschätzung ein ideologisches Momentum zugrunde liegt, welches der Verschleierung sozialer Ungleichheiten dient: Alle sollen glauben, dass sie ihr gerechtes Stück vom Kuchen bekommen. Dadurch werden soziale Missstände nicht angeprangert, die soziale Ordnung wird als „natürlich“ angesehen und politische Maßnahmen, die nur den Oberen der Gesellschaft dienen, werden mitgetragen. Durch diesen „Mitte-Mythos“ stoßen auch neoliberale Überzeugungen – wie eben jene, dass „wir“ uns die Armen nicht mehr leisten können – in breiten Teilen der Gesellschaft auf Unterstützung.

4. Zu viel privater Reichtum zerstört die Gesellschaft

Die Forschung zeigt, dass zu viel Ungleichheit und privater Reichtum eine Gesellschaft zerstören. Reiche ziehen sich gerne aus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zurück und schotten sich räumlich wie sozial ab. Vermögen wird dadurch weiter privatisiert. Gleichzeitig werden Verluste kollektiviert und in gesellschaftlich wichtigen Bereichen, wie Bildung oder Sozialem, Ausgaben gekürzt. Das führt dazu, dass sich die Gesellschaft weiter spaltet. Die Armut Vieler hängt also mit dem Reichtum Weniger zusammen. Das wusste schon Berthold Brecht:

„Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich: „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“.“

Die hier skizzierten Entwicklungen müssen gestoppt werden. Aufgabe der gesellschaftlichen Linken ist es, unermüdlich auf die oben erwähnten Zahlen, Daten, Fakten hinzuweisen, aber auch weiter für die Einführung einer Vermögens- und einer umfassenderen Erbschaftssteuer zu kämpfen. Wir müssen gemeinsam Visionen für eine gerechte Gesellschaft jenseits des finanzdominierten Kapitalismus erarbeiten.

Julia Hofmann ist aktiv beim BEIGEWUM und dem Jahoda-Bauer-Institut, die 2014 gemeinsam das Projekt „Mythen des Reichtums“ ins Leben gerufen haben.

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