Unsere Zukunft gestalten – Die spanische Bewegung gegen Zwangsräumungen

Die spanische Bewegung gegen Zwangsräumungen hat es geschafft, die Obdachlosigkeit von Tausenden zu verhindern. Dass die Betroffenen dabei selbst zu Akteur_innen werden, die sich wieder in ihre Angelegenheiten einmischen, bildet einen wesentlichen Grund für die politischen Umbrüche, die sich gerade in Spanien vollziehen. Zu dieser Bewegung forscht Mònica Clua Losada als teilnehmende Beobachterin. Anlässlich einer am 26. Februar stattfinden Filmvorführung und Diskussionsveranstaltung mit ihr konnten wir sie für einen Beitrag gewinnen.

Die „Plattform der Betroffenen der Hypothek“ (PAH) wurde von der Gruppe „W für Wohnen“ (V de Vivienda) 2009 ins Leben gerufen. W für Wohnen hatte schon seit 2006, oft durch kreative Aktionen des zivilen Ungehorsams, die Immobilienblase und die damit verbundene Verletzung des Rechts auf Wohnen, das eigentlich durch die spanische Verfassung garantiert wird, angeprangert. Richtig in Schwung kam die Plattform der Betroffenen der Hypothek aber durch den Umstand, dass viele ihrer Mitglieder eine Schlüsselrolle in der Mobilisierung zur Demonstration am 15. Mai 2011 spielten. Diese Mobilisierung führte letztlich zur Besetzung von zentralen Plätzen in mehreren Städten Spaniens und war der Auftakt der Bewegung 15-M.

Eine neue Form des Widerstands

Die PAH ist allerdings kein bürokratischer Verein, der sich aus ExpertInnen an der Spitze und bedürftigen BügerInnen als BittstellerInnen zusammensetzt. Vielmehr hat die PAH eine größer werdende soziale Leerstelle erkannt und entschieden, diese durch Aktionen und Aktivierung politisch zu bearbeiten. Um es mit den Worten von zwei Gründungsmitgliedern der PAH, Ada Colau und Adrià Alemany, zu sagen: „Die Wohnungskredite wurden zu einer aufweckenden Bedrohung, zu einem Kommunikations-Werkzeug, das es uns möglich gemacht hat, den Zusammenhang von finanzialisierten Kreditmärkten und Wohnen zu problematisieren. Anhand dieser konkreten Bedrohung konnten wir jene Strukturen freilegen und darstellen, die uns in diese Situation gebracht haben.“ Die Wurzeln der PAH waren weder eine Organisierung, die von oben nach unten lief, noch eine reine Gruppe zur Selbsthilfe der Betroffenen. Sie entwickelte sich als etwas Neues.

Die Empörung und die Wut, die auf den Plätzen im Frühling 2011 hervorbrach, machten eine neue Form des Widerstandes gegen die herrschende Verarmungspolitik sichtbar. Sie entfachten eine Demokratisierung und wurden zu einer neuen politischen Stimme. Gleichzeitig fand ein anderer Prozess statt, dessen Schauplätze das unmittelbare Zuhause der Menschen, Bankfilialen und Bezirksgerichte waren. Ein Prozess, der nicht nur die Träume vieler Menschen zerschlug, sondern eines der grundsätzlichsten Bedürfnisse betraf: das eigene Zuhause. Immer mehr Menschen verloren ihre Wohnung, weil sie die Kosten nicht mehr decken konnten, während der politische Diskurs ihnen gleichzeitig die alleinige Verantwortung an der Überschuldung des Landes anlastete.

Parties und Kater

Die Medien und die Politik erzählten den Menschen, dass auf rauschende Parties ein Kater folge. Dass wir alle schuldig seien, da wir an dem Fest teilgenommen und willig nach den angebotenen Getränken gegriffen hätten, obwohl diese nicht gut für gewesen seien. In Wirklichkeit waren die Immobilienblase und die ständige Ausweitung der Privatkredite aber keine private Entscheidung und kein Gegenstand individueller Verantwortung. Vielmehr lagen ihnen eine institutionelle Verbindung zwischen lokalen Regierungen und Sparkassen zugrunde, welche die strukturellen Rahmenbedingungen der Immobilienblase schuf. Die Sparkassen leiteten Kapital überproportional in Bauwirtschaft, Immoblienentwicklung und Privatkredite, anstatt damit Wachstum in nachhaltigen Sektoren und die Produktivität zu fördern. Die Kreditvergabe des Finanzsektors hat daher den wesentlichen Anteil an dieser ausgeprägten Abweichung der spanischen Wirtschaft. Dieses Kasino wurde durch die Politik und politische Maßnahmen ermöglicht und angetrieben. Dazu gehörten Steuererleichterungen, andere finanzielle Anreize und der aktiv hergestellte Glaube, dass – trotz des rasanten Wachstums des Immobiliensektors – der Kauf einer Wohnung die sicherste Form der Anlage sei. Die unaufhörliche Ausweitung des privaten Kredits in Verbindung mit der Illusion des Wohnungseigentums führte letztlich viele Familien in eine katastrophale Situation.

Diese Situation hätte ganz unterschiedliche Konsequenzen und politische Entwicklungen nach sich ziehen können. Doch sie zog letztlich ein Ergebnis nach sich, dass man als durchaus überraschend bezeichnen kann: Die prekären Jugendlichen, die in den Jahre der Immobilienblase immer wieder den Slogan „Du wirst in deinem verdammten Leben nie ein Haus haben“ riefen, zeigten sich im entscheidenden Augenblick solidarisch. Sie waren diejenigen, die nun Aktionen gegen die Zwangsräumung jener organsierten, die kurz davor noch dem Traum vom „Land der (Wohn-)Eigentümer“ geträumt hatten.

Was die PAH schnell verstanden hat, folgt einer Einschätzung von David Harvey: Er meint, dass heute jene Kämpfe für die Menschen am greifbarsten sind, die sich um den Zugang zu Wohnraum und Land drehen. Durch einen konkreten Kampf gelang es der PAH, eine kollektive Lösung von bisher als individuell wahrgenommenen Problemen zu entwickeln und dabei Menschen zu ermächtigen anstatt sie nur darin zu beraten, ihr Recht auf Wohnen einzuklagen.

Mònica Clua Losada ist Gastprofessorin für Politwissenschaft an der Universitat Pompeu Fabra, Barcelona. Sie ist zur Zeit zu Gast in Österreich und wird am 26.2. im Rahmen der FimvorführungSi se puede – Seven days at PAH Barcelona“ im Stadlabor (Karlsplatz/ Resselpark) in Wien um 19h sprechen.

Der Text wurde von Lukas Oberndorfer ins Deutsche übertragen.

Lesetipp: Imayna Caceres und Lukas Oberndorfer zu den Bewegungen und dem Verhältnis von Konsens & Zwang in Spanien in der Zeitschrift juridikum

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