Oberwart: Wie wir der Opfer gedenken sollten

Vor 20 Jahren, in der Nacht von 4. auf den 5. Februar 1995, riss in Oberwart eine Sprengfalle vier Männer aus der „Roma-Siedlung“ aus dem Leben. Ein Kommentar zu rassistischer Gewalt, „Integration“ und dem Umgang des offiziellen Österreichs mit den Geschehnissen damals und heute.

Aus meiner Kindheit habe ich in Erinnerung, dass in unserem Garten öfters mein Großvater mit einem Packerl A3-Zigaretten und einem Doppler Wein saß und dort mit seinen Trinkkumpanen diskutierte. Einer von ihnen war der „Horvath-Zigeuner“, der bei uns nicht selten seine Nachmittage verbrachte. Mein Großvater war immer sehr erfreut, wenn er diesen alten, etwas zerlumpten Mann sah. Jedes Zusammentreffen begann dann mit den Worten: „Da Horvath-Zigeuner, geh setz di‘ her und trink ma a Glasl.“ Einmal antwortete dieser mit einem breiten Lachen: „Ja, früher wolltest uns vergasen, und heute soll i mit dir saufen.“

Diskriminierung und Anpassung

Die beiden lebten während des Krieges im Burgenland. Mein Großvater war eine angesehene Persönlichkeit im Ort und überzeugter Nazi. Horvath wohnte außerhalb der Ortschaft, in einer eigenen Siedlung für „Zigeuner“, wo sie ständiger Diskriminierung ausgesetzt waren. Letztendlich wurden sie vertrieben, und landeten im KZ. Nur wenige überlebten. Nach dem Krieg waren beide, der Horvath und mein Großvater, heimat- und mittellos. Sie siedelten sich zufällig im selben Ort an. 40 Jahre später gehörten die Horvaths und andere Roma noch immer zur untersten Schicht in der Gemeinde. Sie waren arm, die Älteren konnten weder lesen noch schreiben, die Jüngeren wurden in der Schule ausgesiebt. Wer der ständigen Diskriminierung standhielt, versuchte gleich überhaupt seine Herkunft zu verleugnen und grenzte sich öffentlich von der Kultur der Vorfahren ab. Mit Schrecken las ich einmal in der „Krone“ einen Leserbrief eines jungen Roma aus unserer Gemeinde, der für die SPÖ im Gemeinderat saß. In seinem Kommentar wärmte er alle rassistischen Klischeebilder über seine Volksgruppe auf und mahnte zur völligen „Integration“. Aus Gesprächen mit ihm weiß ich, dass er Angst hatte, dass es wieder zu Verfolgung kommen könnte, wenn sich die „Zigeuner“ nicht endlich anpassen.

Zwei, drei Jahre später detonierte die Bombe in Oberwart. Die Befürchtung meines Genossen war wohl nicht unbegründet. In der südburgendländischen Bezirksstadt lebten die Roma in einer eigenen Siedlung außerhalb des Stadtzentrums. Heute würde man von einem „sozialen Brennpunkt“ sprechen. Schlechte Wohnverhältnisse, hohe Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung waren dort wohl noch viel spürbarer und prägender als für die wenigen Roma in meiner Heimatgemeinde. Teilweise wohnten zehn Menschen auf 55 Quadratmeter. Als der damalige Kanzler Vranitzky nach dem Attentat die Siedlung besuchte, zeigte er sich schockiert und sprach von „desolaten Verhältnissen“. Er meinte auch: „Wären die Roma Ausländer, müssten sie um ihre Aufenthaltsgenehmigung bangen, da sie die im Gesetz vorgeschriebene Mindestwohnfläche pro Person nicht nachweisen können.“

Rassistischer Anschlag

Durch die Anerkennung der Roma und Sinti als Volksgruppe 1993 hatte sich wenig an der Lebensrealität geändert. Nach dem Attentat wurde die Siedlung renoviert und einige Sozialprojekte zur Unterstützung junger Roma finanziert. Das Beschäftigungsprojekt „Mri Buti“ („Meine Arbeit“), das von 86 Roma genutzt worden war, ist nach wenigen Jahren wieder ausgelaufen und musste zumachen. Bis heute sind Roma, die sich zu ihrer Volksgruppe offen bekennen, mit Diskriminierung, Ausgrenzung und offenem Rassismus konfrontiert. Noch immer kommt es vor, dass jungen Roma der Zutritt zu Lokalen verwehrt wird.

Der Mordanschlag auf die Roma-Siedlung vor 20 Jahren war eindeutig rassistisch motiviert. Der Täter, ein Mann namens Franz Fuchs, der sich offen zur nationalsozialistischen Ideologie bekannte, hatte eine Tafel mit der Aufschrift „Roma zurück nach Indien“ angebracht. Als die jungen Männer diese Provokation beseitigen wollten, ging der Sprengkörper hoch und zerfetzte ihre Körper. Die Polizei ermittelte damals, den offenen Rassismus ignorierend, zuerst in der Siedlung und kolportierte gegenüber den Medien, dass es sich hier um eine „Fehde zwischen verfeindeten Clans“ in der Siedlung handle. Es kam bei den Eltern der Opfer zu erniedrigenden Hausdurchsuchungen durch die Kripo. Der damalige FPÖ-Chef Jörg Haider schlachtete diese These voll aus und bediente erneut rassistische Klischees.

Antifaschismus im Aufwind

20 Jahre später gedenkt das offizielle Österreich und die burgenländische Landespolitik den Opfern von 1995. Es ist gut, wenn PolitikerInnen vor rassistischer Gewalt warnen und zur Verteidigung der Demokratie aufrufen. Gleichzeitig schüren aber VertreterInnen nicht nur der FPÖ, sondern – abseits der offiziellen Gedenkveranstaltungen – auch der ÖVP und der SPÖ (nicht zuletzt der Landeshauptmann des Burgenlands) eine Stimmung, die Wasser auf die Mühlen der extremen Rechten ist. Anfang der 1990er Jahre, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, hatten wir eine ähnliche Situation. Die rassistische Hetze der Haider-FPÖ wurde von der Großen Koalition in Gesetzesform gebracht. Die Folgen waren eine Verschärfung des Asyl- und Fremdenrechts. Ein nationalsozialistischer Gewalttäter, Franz Fuchs, ging noch einen Schritt weiter und griff zur Bombe. Heute sehen wir, wie sich obskure rechtsextreme Kreise, unter dem Deckmantel PEGIDA, wieder aus ihren Löchern wagen und dabei vor offener Gewalt nicht zurückschrecken. Dass die Polizei dabei einmal mehr am rechten Auge blind ist und die Regierungsparteien weitestgehend schweigen zeigt, dass wir nicht umhin kommen, sich auf uns selbst zu verlassen und eine starke antirassistische und antifaschistische Bewegung organisieren. Die erfolgreichen Demonstrationen gegen den Akademikerball und gegen PEGIDA der letzten Tage waren ermutigende Zeichen, dass konsequenter Antifaschismus im Aufwind ist. Es gibt keinen besseren Weg, der Opfer von Oberwart zu gedenken.

Gernot Trausmuth ist ist aktiv bei Connect Donaustadt und Übersetzer des Buches Meine 7 Väter. Als Partisan gegen Hitler und Mussolini von Adelmo Cervi, das vor kurzem beim Mandelbaum Verlag erschienen ist.

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