Getrübter Sieg über den IS in Mossul

Die irakische Metropole Mossul ist nach einem fast neun Monate langen Kampf aus den Fängen des IS befreit worden. Berichte der EinwohnerInnen geben Einblick in das Leben während der IS-Besatzung und die blutige Rückeroberung der Stadt. Für den Irak beginnt ein neues Kapitel – doch nicht unbedingt ein stabileres, schreibt Tyma Kraitt.

Noch steht der Rauch über der Stadt, noch fallen vereinzelt Schüsse – trotzdem ist Iraks Premierminister Haider al-Abadi am Wochenende triumphierend in Mossul eingetroffen um den historischen Sieg über den IS zu verkünden. Die Armee rechnet zwar weiter mit Anschlägen untergetauchter KämpferInnen. Ein größeres Territorium werden die Dschihadisten hier so schnell aber nicht mehr halten. Jetzt werden die Karten neu gemischt.

Denn wer Mossul kontrolliert, der hat auch Zugang zu reichen Ölfeldern, wichtigen Raffinerien und der bedeutenden Irak-Türkei-Pipeline. Das Bündnis gegen den IS war stets widersprüchlich. Die Eigeninteressen einzelner Akteure stellten oftmals ein Hindernis im Vorgehen gegen die IS-Dschihadisten dar. Neben unterschiedlichen rivalisierenden Groß- und Regionalmächten wie den USA, Russland, Iran, Saudi-Arabien oder der Türkei, sind sich auch die Kräfte vor Ort uneins. Das Zweckbündnis zwischen der irakischen Armee auf der einen und der kurdischen Peschmerga (Militäreinheiten der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak) auf der anderen Seite dürfte bald schon zu Ende sein. Beide buhlen nun um die größtmögliche Kriegsbeute – zu Lasten der Bevölkerung.

Mossul zwischen Erleichterung und Angst

Seit Ausbruch der IS-Gewalt im Jahre 2014 befinden sich über drei Millionen Menschen innerhalb des Iraks auf der Flucht. Eine von ihnen war die 30-jährige Rana. Sie verließ Mossul erst Ende 2016 und ist vor kurzem wieder in den Osten der Stadt zurückgekehrt. Am Telefon erzählt sie wie zu Beginn der US-geführten Luftangriffe IS-Kämpfer ihr Haus besetzten: „Das haben sie mit den Leuten aus der ganzen Nachbarschaft gemacht. Wir waren alle mit unseren Kindern auf der Straße als die Armee angegriffen hat und die Amerikaner uns aus der Luft bombardierten. Wir wussten gar nicht wohin, es gab so viele Tote.“ Laut US-Armee wurden seit Beginn der Offensive 28.631 Raketen, Bomben und andere Munitionstypen abgefeuert. 1.525 Angriffe erfolgten von Boden und Luft. Mit Zahlen zu zivilen Opfern hält sich die Anti-IS-Koalition jedoch weitgehend zurück. Offiziellen Angaben nach sollen es über 400 sein – in Syrien und Irak. Experten gehen aber allein in West-Mossul von fast zehnmal so vielen Toten aus, für die in gleichem Maße auch die irakische Armee und der IS mitverantwortlich sind.

Trotz des hohen Blutzolls ist Rana froh über das Ende der „Besatzung”, wie sie sagt. Ihren Schilderungen nach gab es zwar mehr als genug KollaborateurInnen, aber viele Menschen empfanden den IS als Besatzungsmacht. Aktiver Widerstand war nicht möglich, denn „für eine Intifada [arab. Aufstand] haben uns die Waffen gefehlt” erklärt sie. Eine Vernetzung von AktivistInnen war schwierig, der öffentliche Raum wurde hermetisch kontrolliert und selbst das Telefonieren war verboten. Die Moscheen, die seit der Saddam-Diktatur zu den wenigen Orten zählten, die einen sicheren Raum für Opposition boten, wurden unter IS-Herrschaft zu den politischen Machtzentren. „Sie haben die Moscheen missbraucht, um uns auf den Krieg einzuschwören. Das Freitagsgebet war nur mehr eine Propagandaveranstaltung. Und sie wollten dort unsere Kinder für den Krieg rekrutieren”, schildert Rana weiter.

Auch ihre 32-jährige Schwester Alia hat Mossul nach der Übernahme des IS nicht verlassen. In einem Telefongespräch erzählt sie von den schiitischen Nachbarn, die hingerichtet wurden, den vielen Verboten, die den Alltag erschwerten und den Sittenwächtern, die elektrische Schlagstöcke gegen Frauen einsetzten, die sich nicht ordnungsgemäß kleideten. „Sogar die kleinen Mädchen mussten komplett in schwarz verhüllt sein. Ich wollte meine kleine Tochter nicht so anziehen und habe deswegen mit einem Wächter gestritten. Als ich ihm entgegnete, dass er mir nichts vom Islam erzählen braucht, da ich mein Leben lang Muslima bin, hat er mich niedergeschlagen.” Mittlerweile ist Alia durch die Befreiung der Stadt von diesem Zwang befreit – „wir tragen kein Schwarz mehr, ich habe all diese Kleidung weggeschmissen.”

Obwohl beide Schwestern die Vertreibung des IS begrüßen vertrauen sie der Regierung in Bagdad nicht und noch vielmehr fürchten sie Racheaktionen schiitischer Milizen.

IS ist weg, die Probleme bleiben

Dass sich der IS überhaupt im Irak festsetzen konnte, lässt sich auf die Nachkriegsordnung im Irak ab 2003 zurückführen. Zunächst war die irakische Gesellschaft durch Jahrzehnte von Krieg und Sanktionen bereits stark zerrüttet. Während der US-geführten Besatzung wurde dann ein ethnisch-konfessionelles Proporzsystem etabliert: Politik wird durch die Zugehörigkeit zu einer der größeren Volks- oder Glaubensgruppen bestimmt. Die sunnitisch-arabische Minderheit wurde dadurch politisch an den Rand gedrängt. Diese Marginalisierung wurde durch eine wirtschaftliche Benachteiligung verschärft. Denn das neue föderale System des Iraks wurde auch auf Wirtschaft und Ressourcenreichtum übertragen. So blieben v.a. jene Gebiete ohne Erdölressourcen, wie etwa die von arabischen SunnitInnen bewohnte Provinz Anbar, unterentwickelt. Diese Faktoren zusammen waren eine wesentliche Voraussetzung für den Aufstieg des IS in mehrheitlich sunnitischen Gebieten im Westen und Norden des Irak.

Es ist zu bezweifeln ob es zu einem Umdenken in den beiden Machtzentren Bagdad und dem kurdischen Erbil kommt. In beiden Fällen regieren religiöse und nationalistische Parteien, die von der Konfessionalisierung und Ethnisierung des politischen Systems profitieren und nach einer Erweiterung ihres Einflusses trachten.

Machtkämpfe und neue Frontverläufe

Im Vordergrund stand bisher die Beseitigung des IS. Doch im Hintergrund begann ein Wettlauf um die ehemaligen IS-Gebiete zwischen der irakischen Regierung und der Autonomen Region Kurdistan. Das hatte gravierende Folgen für die ansässige Bevölkerung.

Den ersten Schritt setzte die kurdische Führung bereits 2014 durch die Einverleibung der umstrittenen Stadt Kirkuk. Zuvor setzte sich knapp die Hälfte der Bevölkerung aus TurkmenInnen und AraberInnen zusammen. Laut Amnesty International wurden in den nordirakischen Gouvernements Kirkuk, Ninawa und Diyala tausende arabische Familien von Peschmergakämpfern vertrieben und ihre Häuser in Brand gesetzt. Dieses kompromisslose Vorgehen ist wieder von handfesten ökonomischen Interessen geleitet – in Kirkuk sollen sich mindestens 13 Prozent der gesamtirakischen Erdölreserven befinden.

Die irakische Regierung ist ebenso wenig zimperlich. So wurden die sogenannten Volksmobilisierungseinheiten – ein Zusammenschluss extremistischer schiitischer Milizen – in die irakische Armee eingegliedert. Sie werden für gröbere Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung verantwortlich gemacht.

Die irakische Regierung möchte Erdölfelder und entsprechende Infrastruktur in den vom IS befreiten Gebieten so weit möglich wieder unter eigene Kontrolle bringen. Ziel ist das energiepolitische Potential des Iraks in baldiger Zukunft voll ausschöpfen zu können. Mit dem Verbündeten Iran will man die Erdölproduktion um ein Vielfaches steigern. Dadurch wollen sie den Gegner Saudi-Arabien als Marktführer in der OPEC schwächen. Ein Ziel, das ohne die riesigen Ölvorkommen in Kirkuk nicht zu realisieren ist. Höchstwahrscheinlich werden hier neue Kampflinien entstehen. Dieser Machtlogik folgend hat nun Saudi-Arabien seinerseits begonnen, enger mit der Autonomen Region Kurdistan zu kooperieren. Die Neuaufteilung des Iraks ist voll im Gange.

Tyma Kraitt ist Publizistin mit Fokus auf den Nahen und Mittleren Osten. Sie studierte Philosophie in Wien und war als Redakteurin für das außenpolitische Ressort der “Zeit im Bild” (ORF) tätig.

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