Kumberg: Warum eine Gemeinde für ihre Flüchtlinge kämpft

Foto: Lichtbildnerei.at

In Kumberg, einer 3.800 Einwohner zählenden Gemeinde bei Graz, fand letzten Donnerstag ein spektakulärer Polizeieinsatz statt. Die aus dem Irak geflüchtete Familie Hamaazeez, die seit Dezember 2015 im Ort lebt, sollte gegen ihren Willen nach Kroatien „rückgeführt“ werden. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Die beiden Kinder der Familie, acht und neun Jahre alt, versteckten sich vor der Polizei und wurden per Hubschrauber gesucht. Sie sind inzwischen in Sicherheit – auch vor dem Zugriff der Behörden. Währenddessen organisierten KumbergerInnen praktische Solidarität mit der Familie, bei einem Lichtermeer am selben Abend setzten sich mehrere hundert AnwohnerInnen für den Verbleib der Familie ein. Daniel Fuchs sprach mit Karoline Schopper-Prünster, Obfrau des Vereins „Kumberg – Wir wollen teilen“.

Daniel Fuchs: Frau Schopper-Prünster, was ist denn am letzten Donnerstag in Kumberg mit der Familie Hamaazeez passiert?

Karoline Schopper-Prünster: Am Donnerstag in der Früh, ungefähr um 7:30 Uhr, hat es bei der Familie geläutet. Alan, der Sohn, hat geöffnet, wohl im Glauben dass es sein Freund sei, der bei ihm vorbeikommt, um gemeinsam in die Schule zu gehen. Er hat also freudig aufgemacht und da standen Polizeibeamte in der Tür. Daraufhin ist er in den hinteren Teil der Wohnung gelaufen. Anscheinend sind er und seine Schwester dann durch ein Fenster aus der Wohnung geklettert und weggerannt. Den beiden Kindern konnte dann niemand mehr folgen, das ist alles unglaublich schnell passiert.

Wovor hatten die Kinder denn Angst?

Der Bub hat immer gesagt, er möchte in Kumberg bleiben. Und er hatte wohl auch Angst und Panik aufgrund der Vorkommnisse mit uniformierten Männern im eigenen Land, im Irak. Die Kinder sind ordentlich traumatisiert, was diese Thematik betrifft.

Wie haben Sie die Suchaktion im Anschluss daran wahrgenommen?

Was ich als nächstes gehört habe ist, dass über Kumberg ein Hubschrauber kreist und dass die Kinder mit Wärmebildkameras gesucht werden, ob sie sich im Wald oder sonstwo versteckt halten. Ich hab’ mir gedacht, was ist denn das für eine überzogene Aktion? Da geht es ja nicht um Schwerverbrecher. Ich habe auch mit einer Bekannten gesprochen, die dachte, in Kumberg sei eine Bank überfallen worden. Ein Polizeieinsatz in diesem Ausmaß, obwohl es sich um ein acht- und ein neunjähriges Kind handelte…

Ich hab’ mir gedacht, was ist denn das für eine überzogene Aktion? Da geht es ja nicht um Schwerverbrecher.

Und wie ist der Tag dann für Sie weiter verlaufen?

Ich habe dann Kontakt mit KollegInnen und Mitgliedern unseres Vereins „Kumberg – Wir wollen teilen“ aufgenommen und wir haben gemeinsam überlegt, was wir machen. Das ist dann ziemlich schnell gegangen, und der Flashmob bzw. das Lichtermeer wurde organisiert. Ich habe mir persönlich unglaubliche Sorgen um die Kinder gemacht, und mir gedacht, was passiert, wenn sie sich wirklich im Wald versteckt haben und dort bleiben vor lauter Angst.

Ich bin dann sofort nach der Arbeit zur Familie gefahren und habe dort die Eltern weinend vorgefunden. Später habe ich dann mit der Schwester der Mutter telefoniert. Sie hat mir gesagt, die Kinder seien in Sicherheit. Mehr habe ich auch nicht erfahren. Um 19 Uhr bin ich mit dem Vater der Vermissten zur Polizei gegangen, wo dieser bekannt gegeben hat, dass die Kinder in Sicherheit sind. Von dort sind wir dann direkt zum Hauptplatz gegangen und haben dort gewartet, bis sich alle Leute einfinden, um am Lichtermeer teilzunehmen.

Man hat in den letzten Monaten immer wieder von Protesten gegen Flüchtlingsunterkünfte gehört, von Feindseligkeiten gegen Flüchtlingen, vor allem auch in kleineren Ortschaften und Gemeinden. In Kumberg hat sich die Bevölkerung jetzt schützend vor „ihre“ Flüchtlinge gestellt. Warum glauben Sie, ist das in Kumberg anders als anderswo?

Das liegt auch an der hohen Lebensqualität hier. Es gibt eine breite Masse, die sagt: Uns geht es gut, und wir haben die Möglichkeit, das zu teilen. Deshalb heißt unser Verein auch so: Wir wollen teilen. Wir leben so wunderbar, wir sind reich an Ressourcen und Möglichkeiten. Das empfinden hier sehr viele Menschen so, gerade auch viele junge Familien mit Kindern. Sie sagen: Es ist ein Wahnsinn, was hier passiert, und wir wollen helfen. Ich glaube, dass wir in Kumberg einen guten Weg gefunden haben. Beginnend damit, dass wir die Bevölkerung von Anfang an gut informiert haben, mit sehr vielen Leuten gesprochen haben, so dass es eine breite Basis gibt, mit großer Unterstützung der Gemeinde, der Pfarre, des Pfarrgemeinderats.

Es gibt kein Flüchtlingsheim, sondern sie wohnen hier wie andere Familien auch. Die Kinder gehen in die Schule, dadurch haben auch die Eltern automatisch untereinander Kontakt, genauso wie die Kinder. Das sind genau die Dinge, die es eigentlich braucht.

Ein wesentlicher Punkt ist auch, dass wir in Kumberg Familien mit Kindern aufgenommen haben. Wir haben keine unbegleiteten, männlichen Jugendlichen, wo ich das Gefühl habe, dass die Menschen davor am meisten Angst haben. Und auch die Anzahl der Flüchtlinge ist, in Relation zu dem was in Kumberg möglich wäre, sehr gering und so, dass man sie leicht auch ganz praktisch integrieren kann. Das ist wirklich praktisch gut möglich, gerade für die drei Familien, die mitten im Ortskern wohnen. Sie kommen hier einfach gut in Kontakt. Es gibt kein Flüchtlingsheim, sondern sie wohnen hier wie andere Familien auch. Die Kinder gehen in die Schule, dadurch haben auch die Eltern automatisch untereinander Kontakt, genauso wie die Kinder. Das sind genau die Dinge, die es eigentlich braucht.

Sie haben es schon erwähnt: Sie sind Obfrau des Vereins „Kumberg – Wir wollen teilen“. Was ist das für ein Verein, wann wurde er gegründet und aus welchen Gründen?

Der Anlass, den Verein zu gründen, war ein Tag im Sommer letzten Jahres, das weiß ich noch ganz genau. An diesem Tag sind drei verschiedene Dinge zusammengekommen. Das erste war die Info in den Nachrichten, dass ausgesetzte Flüchtlinge auf der Südosttangente herumirren. Die zweite Nachricht war, dass viele Flüchtlinge an der Côte D’Azur, also an der Riviera, sitzen und nicht von einem Land in das andere dürfen. Ich habe mir gedacht, das ist eine der reichsten Gegenden der Welt, dort sitzen alle in ihren Yachten und protzigen, riesigen Hotels, und dort müssen Leute am Strand fast verdursten? Und das Dritte war, dass meine Schwester gerade einen Sommerurlaub auf Lesbos gebucht hatte und mich gefragt hat, kann man da überhaupt noch hinfahren? Das ist alles an diesem Tag zusammengekommen und da habe ich mir die Frage gestellt: Was passiert denn da in unserer Welt?

Dann habe ich einfach etwas zusammengeschrieben, bin zum Gemeindeamt und habe angefangen, Unterschriften zu sammeln und Menschen zusammenzubringen. Wir haben schnell ziemlich viele Unterschriften zusammenbekommen, mit denen wir dann zum Bürgermeister und zum Gemeinderat gegangen sind, um deren Unterstützung offiziell zu erbitten. Das gleiche haben wir mit der Pfarre gemacht. Wir haben uns zusammengesetzt und gesagt, es braucht alle konstruktiven Kräfte – egal, ob diese jetzt weiter rechts der Mitte oder sonstwo stehen. Und dann haben wir eine Infoveranstaltung organisiert. Die eigentliche Vereinsgründung war dann erst später, Anfang November, als schon eine Flüchtlingsfamilie da war.

Wieviele Menschen sind denn im Verein seither engagiert? Und was unternehmen diese in Kumberg konkret?

Wir haben ungefähr 150 Mitglieder, und wir konzentrieren uns vor allem auf drei Sachen. Erstens koordinieren wir den Deutschunterricht. Und ich muss ehrlich sagen, es ist unglaublich, was hier auf ehrenamtlicher Basis geschaffen wurde. Wir haben einerseits Deutschunterricht für Erwachsene, andererseits wird Deutschunterricht zusätzlich zur Schule für Kinder angeboten – täglich, zum Teil auch in den Ferien. Die zweite Haupttätigkeit besteht darin, herauszufinden, was die Leute brauchen und dann entsprechende Kontakte herzustellen. Also es geht darum, dass wir die Wohnungssituation sichern, dass wir Sachspenden, Kleiderspenden und Geldspenden annehmen und sie an den richtigen Ort bringen. Und das dritte ist, dass wir einfach Kontakt haben, die Menschen in das Gemeinschaftsleben integrieren, miteinander etwas tun.

Was machen Sie da zum Beispiel?

Da geht es etwa darum, zu kommunizieren, was im Jahreskreis so alles passiert. Also zum Beispiel was es im Advent mit dem Christbaum auf sich hat, die Menschen zum Adventmarkt einzuladen, ihnen zu sagen, dass wir uns freuen, wenn sie teilnehmen. Im Sommer wurde ein Gemeinschaftsgarten in Kumberg gegründet, wo eine Familie sehr intensiv mitarbeitet und einen Ofen gebaut hat, wo sie Fladenbrot backen. Da werden immer wieder Feste gefeiert, wo Leute zusammenkommen können. Die Kinder sind darüber hinaus auch im Sportverein mit dabei, die Mädchen gehen zum Ballett. Und natürlich gibt es auch Aktivitäten über die Schule.

Man hat beim Flashmob Donnerstag Abend gesehen, dass besonders viele SchulfreundInnen von Alan und Ayenne anwesend waren. Die Einbindung über die Schule scheint besonders gut funktioniert zu haben, nicht?

Die Lehrer waren ein Hit. Die Volksschuldirektorin hat einen unglaublich tollen Job gemacht und die Lehrer sind teilweise in unserem Verein und helfen mit, den Deutschunterricht zu verbessern und darüber hinaus mitzuhelfen. Das ist alles ein Wahnsinn.

Wir werden verarscht für das, was wir hier anbieten, damit es friedlich und toll verläuft für die Familien. Und dann heißt es: „Das ist alles sehr lieb, aber danke, das brauchen wir nicht“ – das ist eigentlich eine Frechheit!

Wenn ich dir das erzähle, dann merke ich erst, wie sauer und empört ich bin. Was da ein ganzer Ort gemeinsam leistet, alle Menschen gemeinsam, ehrenamtlich, und dann… Mein Gefühl ist einfach, wir werden verarscht für das, was wir hier anbieten, damit es friedlich und toll verläuft für die Familien. Und dann heißt es: „Das ist alles sehr lieb, aber danke, das brauchen wir nicht“ – das ist eigentlich eine Frechheit! Wenn ich darüber nachdenke, was ich dir jetzt schon alles erzählt habe – das ist eine Sauerei!

Mittlerweile habt ihr deshalb auch eine Petition an das Innenministerium und Sebastian Kurz gerichtet. Wie siehst du angesichts der konkreten Erfahrungen und des Falles der Familie Hamaazeez in Kumberg die Migrations- und Flüchtlingspolitik in Österreich? 

Ich habe den Eindruck, das oberste Prinzip der Regierung ist, die Leute abzuschieben oder sonst schnell loszuwerden –  egal, wie gut jemand integriert ist, oder wie gut sich jemand beteiligt, wie groß das Interesse ist, sich konstruktiv einzubringen, wie sehr eine Gemeinde da ist, die das mitträgt und stützt. All das wird nicht bemerkt und nicht beachtet, das ist ihnen völlig wurscht. Das ist das Gefühl, das ich habe. Und das bedauere ich total… also bedauern ist untertrieben. Es macht mich resignativ und hoffnungslos, und gleichzeitig bekomme ich einen Zorn. Ich denke mir, es ist ein Witz, wieviel Bereitschaft die Zivilbevölkerung immer wieder zeigt, und wie wenig von der Regierung kommt. Ich möchte auch nicht wissen, was so ein Hubschraubereinsatz in Kumberg kostet, während wir keinen Cent für unseren Deutschunterricht bekommen.

Sind angesichts dieser Situation Aussagen der Regierung zum Thema Integration denn überhaupt noch ernstzunehmen?

Nein, die sind nicht ernstzunehmen. Es wird gesagt, Flüchtlinge müssen sich integrieren und Deutsch lernen. Aber genau das ist hier in Kumberg passiert. Und dann ist ihnen das wurscht, das ist nicht einmal erwünscht. Die Familie Hamaazeez soll jetzt nach Kroatien, dort können sie ein halbes Jahr Kroatisch lernen, bevor sie wahrscheinlich weiter nach Serbien abgeschoben werden, denn sie werden in Kroatien wahrscheinlich auch kein Asyl erhalten. Das ist ja lächerlich.

Was wäre Ihrer Meinung nach sinnvoll, in so einer Situation zu tun?

Ich weiß nicht, wie Politik tickt, aber Gesetzestexte müssen uns zu nutzen sein, sie müssen uns Menschen dienen, und so gehören sie benutzt. Und wenn das nicht der Fall ist, dann muss man sie verändern.

Gesetzestexte müssen uns zu nutzen sein, sie müssen uns Menschen dienen, und so gehören sie benutzt. Und wenn das nicht der Fall ist, dann muss man sie verändern.

Um noch einmal zurück zur Familie Hamaazeez zu kommen: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Familie vielleicht doch in Kumberg bleiben kann?

Gute Frage. Ich weiß es nicht. Wenn das Innenministerium sagt, dass sie doch einen Asylantrag stellen können, dann ja. Ich glaube zwar nicht, dass das passiert, aber ich weiß es nicht. Derzeit ist die Mutter auch in ärztlicher Behandlung und reiseunfähig, d.h. sie kann im Moment nicht rückgeführt werden. Und auch die Kinder sind noch nicht gefunden, also ist jetzt erst einmal Wartezeit.

Was kann man Ihrer Meinung nach tun, um die Familie in der aktuellen Situation zu unterstützen?

Weitermachen wie bisher. Sie fragen, was sie brauchen. Gut mit den verschiedensten Einrichtungen kooperieren. Jede und jeder sollte eine E-Mail an den Innenminister schicken, mit einigen persönlichen Worten dazu. Und möglichst vielen Leuten klarmachen, wie wir es jetzt durch dieses Interview tun, wieviel Arbeit und Einsatz hier dahintersteckt.

Abschließend: Was kann man tun, um euren Verein zu unterstützen?

Ihr könnt natürlich spenden. Wir werden die Gelder für diverse rechtliche Verfahren einsetzen. Aber auch wenn die Familie tatsächlich nach Kroatien rückgeführt wird, muss man vielleicht auch einmal nach Kroatien fahren und ihnen bringen, was sie brauchen. Auch dafür würden wir Spendengelder einsetzen. Und, und und… Geld ist zwar nie persönlich und direkt, aber es ist äußerst hilfreich.

Karoline Schopper-Prünster ist Obfrau des Vereins „Kumberg – Wir wollen teilen“

Daniel Fuchs ist Sinologe und Politikwissenschafter und in Kumberg aufgewachsen. Zurzeit promoviert er an der School of Oriental & African Studies, Universität London.

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