Dokustelle Muslime

Ein offener Brief an Sebastian Kurz: Sein Kopftuchverbot befreit nicht, sondern unterdrückt und spaltet, schreibt – und reimt – Masume aus Wien.

Den Text schrieb sie anlässlich der Demonstration „MuslimBanAustria – Mein Körper, mein Recht auf Selbstbestimmung“, die am 4. Februar 2017 in Wien stattfand.

Herr Kurz,

habe ich es richtig verstanden? SIE wollen UNS beibringen, wie wir Menschen mit Respekt behandeln, wie wir Vielfalt und Diversität verhandeln, wie wir mit gegensätzlichen Meinungen umgehen, wie wir die Werte der Demokratie richtig verstehen, ohne ihr dabei die Worte im Mund zu verdrehen? SIE wollen UNS über Menschen- und Frauenrechte belehren und fordern UNS auf, uns doch endlich zu integrieren?

Herr Kurz, ich bitte Sie, dass ich nicht lache,
Ist das jetzt Ihre Rede oder ham Sie’s geklaut vom Herrn Strache?
Und sind Sie überhaupt mächtig der deutschen Sprache?

Haben Sie verstanden was „Integration“ bedeutet?
„Erneuerung“, „Ergänzung“, „Geistige Auffrischung“, „Einbeziehung“ und „Inklusion“ – also das Gegenteil von „Marginalisierung“ und „Isolation“.
„Die Verbindung einer Vielheit zu einer gesellschaftlichen Einheit“.

Doch alles, was ich in Ihrer Sprache erkennen kann, ist Zweiheit,
Spalterei, Hetze und Polarisierung,
Teile und herrsche und stifte Verwirrung,
damit niemand bemerkt Ihre wahre Gesinnung?

Die Nation zu spalten, das wird nicht lange halten, denn der Widerstand regt sich bei Jungen und Alten. Doch ändern Sie deswegen Ihr Verhalten?

Ach, Herr Kurz,
was soll man denn davon nur halten, wollen Sie denn so unseren Staat verwalten, haben Sie vergessen, dass die Teilung der Gewalten ein Grundsatz unserer Verfassung ist? Oder ist das hier nur eine hinterhältige List, mit der Sie uns ablenken wollen, von dem, was Sie vorhaben, mit unserer Nation? Ist das wirklich Ihre Vision einer freien Gesellschaft und „offener Kommunikation“?

Uns vorzuschreiben, was wir tragen dürfen auf unseren Köpfen – und in unseren Köpfen sowieso.

Wir sind nicht so naiv zu glauben, dass Sie es sich laut sagen trauen vor aller Augen, dass Sie uns unserer demokratischen Rechte Schritt für Schritt berauben und es sich dabei auch noch erlauben, UNS die Schuld zu geben, für den Hass, den SIE hier schüren, und den staatlichen Extremismus, zu dem Sie die Massen verführen und unsere Gesellschaft immer weiter polarisieren!

Mit Verlaub, Herr Kurz, verzeihen Sie, dass ich schon wieder lachen muss,

aber fühlen Sie sich von mir wirklich so bedroht, ist das Stück Tuch auf meinem Kopf es Ihnen wirklich wert, das Recht, das unsere Verfassung uns lehrt, das uns alle mit gleicher Menschenwürde ehrt, einfach mal so umzukehren und seines Sinnes zu entleeren,

nur damit wir SIE nicht mehr länger mit unserem verhüllten Anblick beehren?

Vielen Dank Herr Kurz, dass Sie uns auserwählt haben, mit ihrer Gunst und von ihren Gnaden, damit wir uns als befreit betrachten dürfen, von unseren aufgezwungenen Überwürfen, denen wir uns nun endlich entledigen dürfen, dank Ihrer Politik der gleichen Chancen!

Endlich dürfen wir sein wie SIE, im Geil-o-mobil abfeiern wie noch nie!
Das war es doch allemal wert, mal so richtig mit Füßen zu treten unsere Demokratie.

Wen kümmert’s, wenn sie entblößt liegt im Dreck, die weißen Männer schauen gern weg, klopfen sich wohlwollend auf ihre Schultern, zur Wahrung der Leitkultur sie sich gerne ermuntern.

Ich gratuliere Ihnen zur Konsolidierung der Macht und Ihrem Sieg über die freie Gesellschaft!

Doch sehen wir mal, wer als letztes lacht – Herr Kurz – ich jedenfalls hab Sie schon jetzt mit einem Lächeln bedacht.

 

P.S.

An die Herrn Kurz und Kern: Wir lassen uns als Ablenkungsmanöver nicht instrumentalisieren! Wenn Sie uns schon so viel Aufmerksamkeit schenken, dann geben wir doch zu bedenken, dass

wenn Sie gedenken, unsere Freiheiten einzuschränken und uns hinter unserem Rücken einen autoritären Überwachungsstaat aufzuzwingen, wir uns erheben werden —

solidarisch mit jedem in diesem Land, der noch verfügt über ein bisschen Verstand.

Zwangsarbeit für geflüchtete Menschen in Not? Vorratsdatenspeicherung, Einschränkung der Freiheitsrechte bis hin zu Demonstrationsverbot?

Nicht mit UNS!

Und: Hands off my sister, Herr Minister!

 

Masume ist besorgte Muslima aus Wien und hat den vorliegenden Text anlässlich der Demonstration „MuslimBanAustria – Mein Körper, mein Recht auf Selbstbestimmung“ am 4. Februar 2017 in Wien verfasst.

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