Sozialbereich: „Ich befürchte faule Deals bei der Arbeitszeit“

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Im Jänner wurde der aktuelle Kollektivvertrag für den privaten Gesundheits- und Sozialbereich (SWÖ) abgeschlossen. Anna Svec hat mit der Betriebsratsvorsitzenden Selma Schacht über chronische Unterbezahlung, die dringend notwendige Arbeitszeitverkürzung und den sozialpartnerschaftlichen Einheitsbrei gesprochen.

Zum Einstieg: Wer arbeitet denn eigentlich im privaten Gesundheits- und Sozialbereich?

Unsere Branche ist sehr vielfältig. Die über 100.000 ArbeiterInnen und Angestellten, und leider auch immer mehr prekär Beschäftigte, arbeiten mit Menschen sozusagen von der Geburt bis zum Tod – mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, mit alten und behinderten Menschen und vielen mehr; beratend, begleitend, pflegend. Und natürlich gehören auch all jene dazu, die im technischen und administrativen Bereich tätig sind.

Im Jänner wurde der aktuelle Kollektivvertrag für den privaten Sozialbereich (SWÖ) abgeschlossen. Wie bewertest du die Ergebnisse der Verhandlungen?

Im Wesentlichen standen drei Themenbereiche im Vordergrund. Am wichtigsten war aus unserer Sicht die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung, selbstverständlich bei vollem Lohnausgleich. Dabei – das muss man so klar sagen – ist zum jetzigen Zeitpunkt gar nichts herausgekommen. Man hat sich auf eine Arbeitsgruppe zum Thema geeinigt, das ist aber kein Ergebnis! Die Lohnerhöhung von 1,3 Prozent ist blanker Hohn in einem Bereich, in dem wir es chronisch mit Unterbezahlung zu tun haben. Sie bedeutet de facto einen Reallohn-Verlust.

Im Bereich des Rahmenrechts im Kollektivvertrag hat es einige Verbesserungen gegeben, etwa einen freien Tag am ersten Schultag des eigenen Kindes. Mit Blick auf die schlechten Ergebnisse bei Gehältern und Arbeitszeit ist das aber ein ziemlich schwacher Trost.

Kannst du kurz beschreiben, wie du die generelle Situation im privaten Gesundheits- und Sozialbereich einschätzt? Wie steht es um die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und worin liegen die größten Probleme?

Ein großes Problem ist, dass es keine gesicherten Zahlen über Löhne und Gehälter im privaten Gesundheits- und Sozialbereich gibt. Das allein spricht schon Bände. Es wird aber geschätzt, dass der Sektor 17 bis 20 Prozent unter dem österreichischen Durchschnitt verdient.

Hinzu kommt, dass das im Kollektivvertrag festgelegte Gehalt in unserer Branche oft eher die Höchst- als die Mindestlatte markiert. Nicht selten muss schon die Bezahlung nach Kollektivvertrag hart erkämpft werden. Auch bei der Auszahlung von Überstunden gibt es oft Probleme. Viele KollegInnen in unserem Betrieb berichten, dass sie – wenn ihre vier Vorbereitungsstunden wieder mal nicht ausreichen – eben am Sonntag zuhause sitzen und vorbasteln müssen. Das ist unbezahlte Arbeit.

Gleichzeitig wird immer mehr auf Teilzeitarbeit gesetzt. Stellt das eine merkliche Verschlechterung dar?

Damit haben wir auch massiv zu kämpfen. Teilzeitarbeit führt erwiesenermaßen zu einem niedrigeren Stundenlohn und ist oft keine freiwillige Entscheidung. In vielen Fällen gibt es gar kein anderes Angebot. Etwa im Bereich der Wiener mobilen Pflege, wo seit kurzem rigoros auf 20-Stunden-Arbeitsplätze umgestellt wurde. Das heißt, dass die Leute einerseits zu wenig Arbeitsstunden haben, um finanziell über die Runden zu kommen. Andererseits wurde in den letzten 20 Jahren die Arbeit massiv intensiviert. Das passiert ganz offen, wenn beispielsweise BewährungshelferInnen mehr KlientInnen betreuen oder Zusatzaufgaben erledigen müssen.

Die Leute müssen viel mehr protokollieren, koordinieren und dokumentieren als früher. Nicht falsch verstehen: Ich plädiere nicht für schlampigere Dokumentation – gerade im Gesundheitsbereich ist gute Dokumentation sicher wertvoll. Aber dann muss diese Arbeit und die notwendige Zeit dafür eben auch bezahlt werden. Dazu kommt, dass in vielen Fällen die Arbeit schwerer wird.

Inwiefern schwerer, was verändert sich?

Einerseits werden die Leute älter und die Zahl derer, die massive Hilfe brauchen, wächst. Andererseits spüren wir die Auswirkungen des neoliberalen Backlashs der letzten Jahre. Gerade Kinder und Jugendliche brauchen immer öfter besondere Unterstützung. Ich führe das auf den gesteigerten Druck zurück und auch darauf, dass sie die Prekarität und Unsicherheiten der Eltern miterleben. All diese Veränderungen wirken sich auch auf die Beschäftigten aus.

Viele nehmen Lohneinbußen durch Teilzeitarbeit bewusst in Kauf, um nicht sehenden Auges ins Burnout zu laufen oder die Qualität der Betreuung verschlechtern zu müssen. Sie finden sich mit ihrem sinkenden Lebensstandard ab und sagen sich: „Dafür kann ich dahinterstehen, was ich tu und wie, physisch und psychisch“.

 Um den notwendigen Druck aufzubauen habt ihr zu einer Demonstration aufgerufen…

Ja, und fast 1.000 Beschäftigte haben aktiv teilgenommen. Das sind viele, vor allem wenn man bedenkt, wie schwierig das für Beschäftigte in unserer Branche sein kann. Wenn man beruflich Menschen betreut, dann sind sie einem meistens nicht egal. Im Fall eines Protests muss jedoch diese Betreuung naturgemäß zurückgefahren werden.

Es ist die Aufgabe von BetriebsrätInnen und Gewerkschaften, das mitzudenken und Lösungen zu erarbeiten, um allen die Angst zu nehmen. Man muss sich fragen, was in dieser Zeit mit den betreuten Personen passiert und – im Fall der Freizeitpädagogik – zum Beispiel mit Eltern, LehrerInnen und ElternvertreterInnen sprechen. Es braucht viel Kommunikation, Information und Vorarbeit, sonst ist in unserem Feld einfach kein Aufschrei möglich. Den braucht es aber. Das müsste ein Hauptaugenmerk der Gewerkschaft sein. Ist es aber nicht.

Wie erklärst du dir die aus Beschäftigtensicht wenig glorreichen Resultate?

Gute Frage. Die wichtigste Forderung war aus meiner Sicht Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Es bräuchte jedenfalls auch mehr Personal, damit die KollegInnen nicht im Endeffekt mehr Leute in derselben Zeit betreuen müssen. In den letzten Kollektivvertragsverhandlungen war die Arbeitszeitverkürzung neben der beständigen Forderung nach Gehaltserhöhung Hauptthema. Das ist ein guter Ansatz. Das Problem ist, dass kein Druck aufgebaut wird.

Die von den Gewerkschaftsspitzen jetzt abgefeierte Arbeitsgruppe, die irgendwann über das Thema sprechen soll, symbolisiert das Einknicken. Die Arbeitsgruppe behandelt ja genauso alle Flexibilisierungswünsche der Arbeitgeber. Ich fürchte mich da ehrlich gesagt vor faulen Deals. Für mich haben die Art und die Resultate der Verhandlungen schon etwas damit zu tun, dass die Gewerkschaften zu eng mit der SPÖ verflochten sind und oft auf sozialpartnerschaftlichen Einheitsbrei orientieren. Die Gewerkschaft braucht eigene Strategien, wenn sie etwas erreichen will.

Eine letzte Frage: Der private Gesundheits- und Sozialbereich gilt weitgehend als Frauenbranche. Spürst du das in deiner Tätigkeit als Gewerkschafterin?

Ja, auf jeden Fall. Die traditionellen Strukturen wirken in der Gewerkschaft genauso wie in der Gesellschaft. Die klassischen Männerbranchen sind stärker repräsentiert. Es sind gleichzeitig die besser verdienenden Branchen, die mehr Mitgliedsbeiträge einzahlen und daher oft auch innerhalb der Gewerkschaft „mehr wert“ sind. Das schlägt sich zum Beispiel in der Themensetzung nieder. Das ist natürlich eine harte Analyse. Aber ich denke, sie trifft es schon ganz gut.

Es gab vor Jahren eine spannende Initiative von gpa-Chef Wolfgang Katzian, die leider eher im Sommerloch versenkt wurde. Er forderte damals eigene Kollektivvertragsverhandlungsrunden für die klassischen Frauenbranchen. Das Ziel wäre eine extra Lohnerhöhung, um die Gehaltsschere zu verringern. Davon ist nichts übrig geblieben. Das Perverse ist generell, dass gerade unsere Branche unfassbar flexibilisiert arbeitet: unregelmäßige Arbeitszeiten, Radeldienste, Wochenenddienste, und so weiter. Davon sind dann noch vor allem Frauen betroffen, die ohnehin schon doppel- und dreifach belastet sind.

Selma Schacht ist Sozialarbeiterin und Freizeitpädagogin. Sie ist seit über 10 Jahren Betriebsratsvorsitzende und deshalb derzeit von ihrer Arbeit als aktive Freizeitpädagogin freigestellt. Außerdem ist sie innerhalb der GPA-djp Vorsitzende der Interessensgemeinschaft Social und in der AK Wien Arbeiterkammerrätin für die KOMintern.

Anna Svec ist Redakteurin bei mosaik, studiert Rechtswissenschaften an der Universität Wien und unterrichtet beim ‚Projekt Schule für Alle‘.

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