Köln: Weder Schweigen noch Rassismus

Es gibt diese Zufälle. Gestern habe ich die Folge der Serie Downton Abbey geschaut, in der einer der Hauptcharaktere, Anna, vergewaltigt wird. Die Zuschauer_innen sehen die Tat nicht, nur die verstörte Anna nachher. Und es tut weh. Weil wir die Figur gerne haben, weil es eine schreckliche Tat ist und weil Annas größte Sorge ist, dass jemand etwas davon mitbekommt. Weil sie sich schämt und weil sie berechtigterweise Angst davor hat, dass ihr Mann dem Täter was antut und dann selbst im Gefängnis landet.

Nun ist Downton Abbey eine Serie, die vor rund hundert Jahren spielt. Dennoch ist Annas Reaktion zeitlos. Weil sich gesellschaftlich wenig geändert hat am Umgang mit Frauen, die sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind.

Sie schämen sich. Ihre Aussagen werden in Frage gestellt. Sie lügen vielleicht sogar, um einem Mann zu schaden. Vielleicht ist das alles sogar gar nicht passiert? Erst einmal braucht es Beweise. Hat sie es vielleicht nicht sogar provoziert? Hat der Mann vielleicht nur ein Zeichen falsch gedeutet, kann ja mal passieren. Überhaupt – warum geht sie nicht vor Gericht? Hält das überhaupt vor Gericht?

In der feministischen Praxis hat sich deswegen eine simple Herangehensweise entwickelt, die auch heute noch radikal in ihrer Einfachheit ist: Wir glauben den Frauen, die von Übergriffen berichten. Wir glauben ihnen, wir stellen das Erlebte nicht in Frage und wir sind für sie da. Denn jeder Übergriff, jede Vergewaltigung ist kein Normalzustand, den man(n) buchhalterisch zur Kenntnis nimmt, sondern verdient die völlige Unterstützung der Betroffenen. Punkt.

Es ist ein großer Verdienst der feministischen Strömungen, dass den Betroffenen eine Stimme gegeben wird. Nein, eure Übergriffe sind nicht lustig und nicht normal. Und ja, es fängt schon beim Witzeln und beim (ungefragten und ungewollten) Klaps auf den Po an. Und sexuelle Gewalt hat so viele Schattierungen und jede verdient spezielle Aufmerksamkeit: In hierarchischen Abhängigkeitsverhältnissen, aus Sicht von proletarischen Frauen, in der Verknüpfung mit Rassismus und Kolonialismus, aus der Sicht von Schülerinnen, am Arbeitsplatz, auf der Straße und und und.

Rape Culture – It’s a thing

Jedes einzelne Mal, wenn eine Frau einen Übergriff zur Sprache bringt, durchbricht sie ein Klima, in dem das mitunter als normal angesehen wird. Sie macht sich angreifbar und verletzbar. Weil es Leute gibt, die ihr Leid in Frage stellen oder sich sogar darüber lustig machen und meinen, dass sie es verdient hat. Dieses Klima heißt „Rape Culture“, also eine Alltagskultur, die Vergewaltigungen möglich macht und diese legitimiert. Diese Alltagskultur zeigt sich in dem recht wirren Phänomen von „Pick Up Artists“, in einer Debatte, ob ein Nein nun ein Nein ist, darin, dass Vergewaltigungen in Popmusik und Jugendsprache eine beliebte Drohung sind („Ich fick dich“) oder in Filmen als Plotfüller vorkommen, ohne dass dieser Handlungsstrang weiter verfolgt wird (Wolf of Wall Street, hallo). Diese Alltagskultur hat Auswirkungen, etwa wenn die berühmten High School Footballer, die junge Frauen vergewaltigen, von der ganzen Schule geschützt werden (Hallo, Steubenville) oder wenn Parlamentsabgeordnete sexuelle Übergriffe witzig finden und sie sogar selbst ausführen (Marcus Franz, Rainer Brüderle).

Warum habe ich das so lange ausgeführt? Weil es immer wieder explizit gemacht gehört. Gerade feministische Errungenschaften werden in der Linken gerne als „gegeben“ angenommen. Nein. Genauso wie wir immer mal wieder über Redeverhalten, Selbstinszenierungen und Machoattitüde reden sollten, so MUSS klar sein, dass es bei sexueller Gewalt absolut keine, nada, null, niente Verhandlungsmasse gibt.

Damit kommen wir zu den Vorfällen in Köln. Was ist passiert? Klar ist, dass eine Gruppe von Männern organisiert Frauen belästigt und begrapscht und sie ausgeraubt hat. Betroffen sind mindestens 70 Frauen, vielleicht eine höhere Dunkelziffer.

Das ist für sich eine unfassbare Tat, zu der man nicht schweigen darf.  Solche Taten haben eine klare Botschaft an Frauen: Ihr habt auf der Straße nichts verloren, wir können euch diesen Ort zu einem Minenfeld machen, ihr müsst euch immer unsicher fühlen.

Fragt doch mal in eurem Umfeld nach: Gibt es Frauen, die sich nicht zumindest in der Straßenbahn umschauen, wenn sie in der Nacht heimfahren? Die nicht stehen bleiben und den Typen vorbei gehen lassen, der knapp hinter ihnen geht? Und die nicht in Verteidigungsposition gehen, wenn ein Mann etwas zu nah kommt, um etwas zu fragen (und sei es nach dem Weg).

Antirassismus und Feminismus nicht gegeneinander ausspielen

Heikel wird es bei den massiven Übergriffen von Köln, weil die Täter Migrationshintergrund haben. Und schon stürzen sich alle Rechten darauf und präsentieren sich als die Retter von Frauen. Das ist besonders ekelhaft, weil es diesen Menschen nicht um den Themenkomplex „sexuelle Gewalt“ geht. Das ist ihnen nicht nur völlig wurscht, sie sind normalerweise auch die, die das Klima der Rape Culture schaffen und Betroffenen Steine in den Weg legen. Es sind genau jene, die Frauenhäuser zusperren wollen, Slutshaming betreiben (also Frauen sagen, sie sollen nicht zu freizügig sein) und Täter in Schutz nehmen. Jene, die genau diese Männer beherbergen, die Übergriffe begehen. Aber wenn es darum geht, einen rabiaten Rassismus zu verbreiten, dann ist jedes Mittel recht – auch sexuelle Übergriffe zu instrumentalisieren, die man, hießen die Täter Herbert, Stefan und Michael, nicht einmal wahrnehmen würde. Diese rechten Hetzer_innen sind rassistische Antifeminist_innen und können nie Verbündete in feministischen Kämpfen sein. Denn sexualisierte Gewalt ist sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal von Männern mit Migrationshintergrund.

Gleichzeitig ist es mehr als betrüblich, wenn Linke zu so einem Ausmaß an Gewalt schweigen. Nein, das ist kein Vorfall, den halt „die Behörden klären müssen“. Das würden wir bei rechtsextremer Gewalt doch auch nie sagen? Wenn Asylheime brennen, dann sagen wir doch auch nicht „schauen wir mal, was die Gerichte dazu sagen“. Wenn Pegida oder die Identitären aufmarschieren, dann schieben wir das Einordnen auch nicht dem Verfassungsschutz zu und wenn juristisch nichts dran ist, dann wenden wir uns wieder ab. Weil Justiz und schon gar nicht Polizei oder Verfassungsschutz (die alle drei keine neutralen Institutionen sind) nie eine Debatte ersetzen können, schon gar keine linke, antifaschistische, antirassistische und feministische. Diesen Vorfall zu einer reinen Sache der Behörden zu machen ist feig.

Im Gegenteil: Es ist wichtig, hier den Rechten nicht das Feld zu überlassen. Denn ihr Feminismus ist geheuchelt. Das muss aber auch wer klar stellen. Ein Antirassismus, der sexuelle Übergriffe mit einem Schulterzucken abtut oder sogar die Täter noch verteidigt und Verschwörungstheorien spinnt, ist schlicht unbrauchbar. Ein Feminismus, der mit Rechten fraternisiert und sexuelle Gewalt als Problem mit Migrationshintergrund sieht, ist schlicht unbrauchbar. Sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen geht aber nur, wenn man stolz, offensiv und mit voller Solidarität aufeinander Bezug nimmt. Es funktioniert nicht, wenn man aus falsch verstandenem Antirassismus Täter in Schutz nimmt. Es funktioniert nicht, wenn man rechten Forderungen nachplappert.

Denn die Ansagen sind klar: Jeder Typ, der Frauen aus dem Straßenbild haben will, hat ein klares Problem. Jeder, der tatscht, hat ein gewaltiges Problem. Jeder Vergewaltiger soll den Tag bereuen, an dem er geboren wurde.

Dazu muss es aber klare, lange Strafen für Täter geben. Dazu muss Betroffenen aber auch von Seiten der Institutionen geglaubt werden. Dazu müssen Einrichtungen ausfinanziert werden, die sich um Betroffene kümmern (Frauenhäuser, Helplines – in verschiedenen Sprachen, mit verschiedenen Bedürfnissen). Dazu muss es Ärzte und Ärztinnen geben, die wissen, wie sie mit Betroffenen umgehen. Dazu muss es Polizist_innen geben, die Betroffene nicht auslachen und wegschicken.

Dazu muss es die Möglichkeit geben, schnell und anonym die „Pille danach“ zu bekommen. Dazu muss es die Möglichkeit auf Schwangerschaftsabbruch geben, ohne horrende Kosten oder Distanzen.

Dazu muss aber auch klar sein, dass die Strafe für Täter einheitlich ist. Die Forderung nach Separatstrafen für Täter mit Migrationshintergrund ist rassistische Hetze. Abschiebungen für Täter sexueller Gewalt zu fordern ist Nonsens, denn wohin sollen all die Täter ohne Migrationshintergrund abgeschoben werden?

Hören wir doch auf, betreten zu schweigen, wenn es Vorfälle wie diese gibt. Diese selbstgewählte Defensive bringt niemandem etwas. Gerade weil Feminismus und Antirassismus ohnehin schon unter Beschuss sind. Wir dürfen keins zu Gunsten des Anderen aufgeben. Das wäre ein Sieg der Rechten. Nur ein kompromissloser Feminismus garantiert, dass Annas Reaktion wirklich irgendwann als historische Darstellung wahrgenommen wird.

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin und Antifaschistin. Sie ist aktiv in der Offensive gegen Rechts und betreibt außerdem den Blog schmetterlingssammlung.net

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