Islamische Kindergärten: „Wir gehören zu dieser Gesellschaft“

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Sebastian Kurz möchte alle „Islamkindergärten“ schließen und stützt sich dabei auf eine Studie, die von seinen eigenen Beamten frisiert wurde. Im Interview mit Mosaik erklärt Kindergarten- und Schulleiterin Petra Klier ihre Sicht der Dinge.

Petra Klier leitet die Gesamtschule und den Kindergarten Isma. Betrieben werden beide von einem muslimischen Trägerverein. In zwei Gruppen werden über fünfzig Kinder zwischen drei und zehn Jahren betreut. In die Schule gehen etwa hundert SchülerInnen. Vor allem der Kindergarten kommt in der aktuellen Debatte unter Beschuss.

Frau Klier, in den Medien wird ihr Kindergarten als islamisch angegriffen. Ist der Kindergarten islamisch und wenn ja, was heißt das?

Das ist eine gute Frage. Ja, wir sind ein muslimischer Trägerverein und es ist eine islamische Schule. In der Schule spielen Religion und Spiritualität eine wichtige Rolle, entsprechend des vom Ministeriums genehmigten Lehrplans. Für den Kindergarten gilt, dass er nicht konfessionell ist, weil es laut der zuständigen MA11 keine konfessionellen Kindergärten geben darf. Das heißt: Es gibt auch keine katholischen oder jüdischen Kindergärten, sondern nur katholische oder jüdische Träger. So ist das auch bei uns.

In der Praxis haben wir aber bisher ausschließlich Kinder von muslimischen Eltern. Obwohl wir uns auch über nicht-muslimische Kinder freuen würden, sowohl im Kindergarten wie in der Schule. Bisher gibt es da aber noch keine Nachfrage.

Wie wird Religion im Kindergarten im Alltag gelebt?

Im Kindergarten geht es uns vor allem darum, bestimmte Werte zu leben und zu vermitteln: Geborgenheit, Respekt, Hilfsbereitschaft und Vertrauen. Da kann man natürlich zu Recht sagen, dass sind islamische Werte, aber ebenso sind das allgemeine gesellschaftliche Werte.

Wie sieht der Alltag im Kindergarten aus?

Weil wir ein sehr kleiner Kindergarten sind, ist die Umgebung relativ familiär. Besonders wichtig ist uns, dass es ein gutes Team gibt und eine liebevolle und wertschätzende Umgebung für Kinder. Naturpädagogik ist einer unserer Schwerpunkte.

Auch Interkulturalität ist ein großes Thema im Alltag und darauf sind wir auch stolz. In unserem Kindergarten und unserer Schule sind Kinder und Pädagoginnen aus zwanzig verschiedenen Kulturen. Das ist manchmal kompliziert, aber vor allem ist es sehr bereichernd. Sonst unterscheidet sich der Kindergartenalltag nicht von dem in anderen Kindergärten.

Bei so vielen unterschiedlichen Kindern, da gibt es sicher auch viele verschieden Zugänge zu Religion?

Ja selbstverständlich, es gibt natürlich unterschiedliche Zugänge und Formen, die eigene Religion zu leben. Das muss auch gar nicht viel thematisiert werden. Ich finde es aber wichtig, dass die Kinder miteinander aufwachsen und Unterschiede kennenlernen.

Warum schicken Eltern ihre Kinder in ihre Einrichtungen?

Das sind ganz verschiedene Motive. Ein Grund sind natürlich Diskriminierungserfahrungen. Leider kommt es oft vor, dass muslimische Kinder in Kindergärten und Schulen diskriminiert werden. Vor diesen Erfahrungen wollen Eltern ihre Kinder natürlich schützen. Manchmal ist es auch einfach die Nähe zur Schule oder die Tatsache, dass die Kinder hier Deutsch sprechen.

Sebastian Kurz hat sogenannte „Islam-Kindergärten“ zum Wahlkampfthema gemacht. Wie geht es den Pädagoginnen, Eltern und Kindern damit?

Also ich hoffe jetzt mal, dass die Kinder das noch nicht mitbekommen. Wir spüren aber die Folgen dieser Debatte und der falschen Behauptungen über Kindergärten. So kommt es immer wieder vor, dass unsere Schulklassen auf Exkursion angefeindet werden, ja Kinder und Lehrkräfte sogar tätlich angegriffen werden. Das ist erschreckend. Und es ist natürlich besonders traurig, weil uns wichtig ist, dass die Kinder viele Ausflüge in Museen und dergleichen machen. Ich persönlich bekomme auch Hassmails. Das ist nicht nur lästig, sondern auch verletzend. Und wir finden für den Kindergarten keine nichtmuslimischen Pädagoginnen mehr.

Und was sagen Sie zu der Forderung, dass alle islamischen Kindergärten geschlossen werden müssen?

Das ist natürlich eine absolute Diskriminierung. Kurz will offenbar nicht, dass MuslimInnen Kindergärten betreiben. Es muss aufhören, dass mit solchen Diskriminierungen ständig ein Keil in die Gesellschaft getrieben wird. Nur weil man ein Kopftuch trägt kann man nicht Richterin oder Polizistin werden. Wenn man einen Ganzkörperbadeanzug trägt, darf man nicht mitbaden. Man schließt uns systematisch aus und dann heißt es, MuslimInnen bilden eine Parallelgesellschaft. Wir MuslimInnen gehören genauso zur österreichischen Gesellschaft.

Welches Kalkül sehen sie dahinter?

Das Feindbild Islam wird seit vielen Jahren aufgebaut. Und es wird zunehmend in Wahlkämpfen verwendet und auf unserem Rücken ausgetragen. Die politische Hetzte vergiftet leider auch das Klima im Alltag. Uns allen werden Dinge zugeschrieben, auch wenn sie nur auf eine kleine Minderheit der MuslimInnen zutreffen. Wir müssen uns ständig für Dinge rechtfertigen, mit denen wir nichts zu tun haben. Wir sollen uns vom sogenannten IS distanzieren, obwohl vollkommen klar ist, dass das einfach feige TerroristInnen sind. Das sind unsere Todfeinde. Warum muss ich mich von den Taten meiner Todfeinde distanzieren?

Wie gehen sie mit der Kindergarten-Studie von Ednan Aslan um, die offenbar von Mitarbeitern von Sebastian Kurz frisiert wurde?

Wir haben kein Vertrauen zu Herrn Aslan. Er versucht, uns in den Dreck zu ziehen. Das ist Verleumdung und keine wissenschaftliche Arbeit. Was soll ich dazu sonst noch sagen?

Wir haben ja zunächst auch zur Vorbereitung dieser Studie unsere Türen geöffnet. Eine muslimische Wissenschaftlerin und ein nicht-muslimischer Wissenschaftler wollten sich einen Eindruck vom Alltag bei uns verschaffen. Wir haben dann auch einen Fragebogen ausgefüllt. Aber zum Interview mit einer Mitarbeiterin von Herrn Aslan war ich dann nicht mehr bereit, weil die Erfahrung zeigt, dass mit den Daten nicht objektiv oder wissenschaftlich umgegangen wird.

Daran anschließend: Braucht es prinzipiell Qualitätskontrollen für Kindergärten?

Selbstverständlich, die Kinder haben ein Recht darauf. Sehen Sie sich etwa die Betreuungsschlüssel in Kindergärten an, es bräuchte viel mehr Betreuungspersonal. Und es braucht natürlich Kriterien, die alle einhalten müssen und die auch überprüft gehören – egal ob der Trägerverein christlich, muslimisch, jüdisch oder montessori ist. Das muss für alle gelten. Gleichzeitig find ich es auch wichtig, dass die Eltern zwischen unterschiedlichen Modellen und pädagogischen Ansätzen wählen können.

In der öffentlichen Debatte scheint „der Islam“ die zentrale Herausforderung für die Gesellschaft und für das Bildungssystem im Speziellen. Welche Herausforderungen erleben Sie und was sollte im Mittelpunkt der Bildungspolitik stehen?

Das ganze Gerede über Islam lenkt von den eigentlichen Herausforderungen im Bildungssystem ab. Es braucht viel mehr Unterstützung für die Kinder. PädagogInnen müssen auch im psychosozialen Bereich besser ausgebildet werden. Gerade Kinder, die schon eine Flucht erlebt haben oder mit Diskriminierung konfrontiert sind, bringen einen ziemlichen Rucksack mit. Dazu sind die LehrerInnen nicht ausgebildet. Aber ganz allgemein: Die Ausbildung muss die soziale Kompetenz der Pädagoginnen in den Mittelpunkt stellen.

Petra Klier leitet die private Gesamtschule ISMA und den dazugehörenden Kindergarten und Hort.

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