Die Wurzeln aktueller Kämpfe gegen die Dakota Access Pipeline

Foto: Peg Hunter

Der Kampf gegen die Dakota Access Pipeline ist Teil eines jahrhundertelangen Kampfes von Indigenen gegen Enteignung und kapitalistische Expansion.

Berittene KriegerInnen der Lakota verlangen die Durchsetzung von geltenden Gesetzen. Sie galoppieren rasant nach vorne, drängen die Polizei zurück und halten erst im letzten Moment an, um kurz darauf wieder loszustürmen. The Szene könnte aus der Schlacht am Little Bighorn um etwa 1876 stammen. Tut sie aber nicht. Stattdessen kommen hier – entlang der Ufer des Missouri River, gerade außerhalb der Grenzen der Standing Rock Sioux Reservation in North Dakota – indigene VerteidigerInnen von Land und Wasser zusammen, um die Dakota Access Pipeline zu blockieren. Sie sind Teil eines jahrzehntelangen Kampfes zur Durchsetzung und Rückgewinnung von indigenen Ländereien, Rechtssystemen und Souveränitäten. Und sie machen das an einem Ort, der seit Jahrhunderten Nährboden für indigenen Widerstand ist.

Erinnerungen an Wounded Knee

Die modernen Wurzeln und das spirituelle Zentrum des indigenen Kampfes in den USA liegen im Dorf von Wounded Knee begraben. Am 28. Dezember 1890 befahl die 7. Kavallerie etwa 400 Miniconjou und Hunkpapa Lakota aus den Cheyenne River und Standing Rock Reservationen unter der Führung von Chief Bigfoot entlang der Ufer des Baches Wounded Knee ihr Lager aufzuschlagen. Die Lakota waren AnhängerInnen der Ghost Dance Bewegung des Propheten Wovoka. Diese lehrte, dass die Toten zurückkämen, die KolonialistInnen vertrieben und die Stämme vereint werden würden, um den Enteigneten Frieden und Wohlstand zu bringen. Die Bewegung inspirierte Indigene quer über den Kontinent und schürte Angst unter den SiedlerInnen entlang der Grenze.

Am Morgen des 29. Dezember, während eines konfusen Versuchs das Lager zu entwaffnen, ertönte ein Schuss. Die Kavallerie eröffnete das Feuer, ermordete die Lakota und sogar einige ihrer eigenen Soldaten. Kavalleristen jagten Frauen und Kinder, die versuchten zu fliehen. Die Bilanz waren mehr als 300 Tote. Ihre Leichen erstarrten tagelang in der Kälte bis die Armee ZivilistInnen anheuerte, um sie in einem Massengrab zu beerdigen. Während ArbeiterInnen das letzte Körnchen Schutt über die Ermordeten schaufelten, wurde das indigene Land für Siedlungen freigegeben.

Die Red Power Bewegung

80 Jahre später inspirierte der Geist von Ghost Dance und die Erinnerung an Wounded Knee die Red Power Bewegung. Widerstand und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft fegten über den Kontinent – von der Besetzung von Alcatraz im Westen bis zur Übernahme des Amts für indianische Angelegenheiten (Bureau of Indian Affairs, BIA) im Osten. Im Jahr 1972 veröffentlichte die junge, militante und fotogene Amerikanische Indianische Bewegung (American Indian Movement, AIM) im Rahmen des Trail of Broken Treaties ihr 20-Punkte-Papier. Darin forderten sie die US-Regierung auf, Verträge als Grundlage für die Beziehungen mit den UreinwohnerInnen des Kontinents zu respektieren und im Bedarfsfall zu überarbeiten. Dieser Ruf nach indigener Souveränität und einer Anerkennung der Verträge hat bis heute Bestand.

Im Februar 1973 lud die Oglala Sioux Civil Rights Organization (OSCRO) die Bewegung nach Pine Ridge ein, um den vom Amt für indianische Angelegenheiten unterstützten Stammesvorstand Dick Wilson loszuwerden. Wilson war ein bedrohlicher Führer, der ohne Umschweife seine private Bürgerwehr einsetzte, um Widerstand zu unterdrücken. Trotz Belastung wegen Korruption, Einschüchterung und Missbrauch, konnte er sich einem Amtsenthebungsverfahren entziehen. In der Nacht des 27. Februar 1973 griff – in einem brillanten Akt politischen Theaters – eine 54 Auto starke Karawane aus Oglala und der Amerikanischen Indianischen Bewegung zu den Waffen und befreite Wounded Knee auf Basis des gebrochenen Vertrags von Fort Laramie aus dem Jahr 1868. Fernsehstationen und Zeitungen eröffneten mit Schlagzeilen zur Besetzung.

Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich der Widerstand gegen Wilson in eine bewaffnete Pattsituation gegen die US-Regierung. In einem Forderungskatalog an das Justizministerium verlangten die AktivistInnen sofortige Anhörungen über indianische Verträge im Senat und umgehende Ermittlungen gegen das Amt für indianische Angelegenheiten in Sioux Reservationen in South Dakota. In einer verfassungswidrigen Entscheidung wurde das US-Militär hinzugezogen, um den Protest niederzuschlagen. Wilson’s Schlägertrupps errichten Straßenblockaden jenseits ihrer territorialen Grenzen, um Protestierende, SympathisantInnen und Kameras abzuhalten. Wie in Kuba, dem Kongo und anderen Ecken der kolonialisierten Welt demonstrierten die USA ihren Willen, mit Tyrannen zusammenzuarbeiten solange es ihren eigenen Interessen dienlich war.

KriegerInnen der Amerikanischen Indianischen Bewegung behaupteten sich mit Waffen, die aus dem Dschungel Vietnams zurückgebracht wurden. Die Polizei antwortete mit schweren Waffen, Tränengas und ließ Kampfjets über die Gebiete fliegen. Am 17. April wurde Frank Clearwater in den Kopf geschossen. Der Cherokee war mit seiner schwangeren Frau einen Tag zuvor aus North Carolina gekommen. Am Ende hatten die AktivistInnen Wounded Knee für erstaunliche 71 Tage gehalten. Ihre Rebellion aktivierte Indigene quer durch das Land – und über die ganze Welt.

Indigene Kämpfe heute

Der Kampf gegen die Dakota Access Pipeline hat seine Wurzeln in dieser Geschichte. Die Pipeline verletzt den gleichen Vertrag, der die Besetzung von Wounded Knee auslöste. Und genauso wie die Amerikanische Indianische Bewegung den Respekt der Verträge und indigene Souveränität einforderte, fordern die Standing Rock Sioux, dass der Fort Laramie Vertrag eingehalten und Land und Wasser geschützt werden. Die Menschen, die jahrhundertelange Enteignung und versuchte Vernichtung ertragen haben – die Ärmsten der Armen, die am leichtesten Vergessenen – sind noch immer da und kämpfen. Seit Hunderten von Jahren haben sie Alternativen innerhalb und über den Kapitalismus hinaus aufgebaut. Sie sind die TrägerInnen einer Tradition des indigenen Widerstands, der gleichzeitig im Land und der Geschichte der Lakota wurzelt und doch global ist.

Dieser Kampf wurde in den letzten Jahrzehnten durch die neoliberale Kooptation gefährdet. Von einem kolonialen Staat abgewiesen, fanden sich viele indigene Gruppen in einer unbehaglichen Allianz mit den Neoliberalen. Diese prangerten den Staat als Ganzes an und ergriffen die Chance, den Wohlfahrtsstaat zu zerschlagen und die Stämme als Juniorpartner in einer globalen Wirtschaft umzudeuten. „Indianische Souveränität“ wurde zunehmend mit dem Profit aus einem indianischen Kasino gleichgesetzt. Und auch wenn eine Kritik am freien Markt in einigen indigenen Kreisen immer noch fremd ist, bildeten sich Standing Rock und andere Aktionen als beispielhafte Gegengewichte in dieser neoliberalen Tendenz heraus.

Und auch anderswo steuern indigene Kämpfe für Landrechte erfolgreich den Lauf der Globalisierung. Das Unist’ot’en Camp im Norden British Columbias blockierte bisher erfolgreich den Bau von zahlreichen Pipelines durch ihr Territorium. Es wurde ein Ort ermöglicht, an dem indigene Lebensweisen auf Ländereien fortbestehen können, die von der Industrie als „Energiekorridore“ beschrieben werden. In Minnesota verschob das Energieunternehmen Enbridige erst kürzlich Pläne für die Sandpiper Pipeline – teilweise als Antwort auf indigenen Widerstand. Und die Obama-Administration strich die Keystone XL Pipeline, nachdem sie sich mit enormem Druck von Stämmen und ihren Verbündeten konfrontiert sahen.

In allen diesen Fällen sind Indigene die zentralen ProtagonistInnen im Kampf gegen die Kräfte der kapitalistischen Expansion, die Land und Wasser zerstören und indigene Souveränität untergraben – alles zum Zweck der Ressourcenextraktion. In Standing Rock haben ungleiche Stämme ihre Differenzen beiseitegelegt und treten gemeinsam auf. Von New York City bis San Francisco sind Menschen unterschiedlicher indigener Gruppen tausende Meilen gefahren, um ihnen beizustehen. Sie teilen sie den Wunsch nach einer Zukunft ohne Dakota Access Pipeline. Und nach einer Zukunft, in der indigene Gruppen ihre Rechte ausüben können, einen gerechteren, gleicheren und nachhaltigeren Weg zu definieren – als gegenseitige BeschützerInnen von Land, Wasser und der Menschheit. In Standing Rock ist diese mutige Vision einer indigenen Zukunft lebendig.

Julian Brave NoiseCat ist eingetragenes Mitglied der Lake Band Tsq’escen in British Columbia and studiert an der Columbia University und der University of Oxford.

Anne Spice ist Anthropologin, ein Tlingit-Mitglied der Kwanlin Dun First Nation und arbeitet an ihrer Doktorarbeit am CUNY Graduate Center.

Eine längere Version dieses Texts erschien auf Englisch zuerst in Jacobin. Herzlichen Dank für die Möglichkeit, diesen Text übersetzt zu veröffentlichen. Dieser Text wurde von mosaik-Redakteurin Melanie Pichler übersetzt . 

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