Im Flüchtlingslager Röszke: Elendsverwaltung in der Festung Europa

Foto: Bőr Benedek

Während ich diesen Text schreibe, sitze ich geduscht, warm angezogen und gesättigt an einem warmen Ort in Österreich. Kalt ist mir trotzdem. Das liegt aber nicht an meiner Kleidung sondern an der politischen und humanitären Situation in Europa. Denn im ungarischen Röszke habe ich die Auswirkungen der EU-Abschottungspolitik erlebt.

Röszke liegt an der serbischen Grenze. Täglich kommen dort tausende Flüchtlinge über die Balkanroute über die Bahngleise, durch die der Stacheldrahtzaun unterbrochen ist, nach Ungarn. In Röszke gibt es ein offizielles, mit Stacheldraht bewehrtes und bewachtes Lager, in dem die Flüchtlinge registriert werden. Helfer_innen und Medienvertreter_innen haben hier keinen Zugang, die wenigen Berichte und Videos die nach außen gelangen sind erschütternd. Mein Bericht bezieht sich allerdings auf eine Sammelstelle, an der die Flüchtlinge auf die Busse zum Weitertransport warten oder sich zu Fuß auf die Weiterreise machen, um der Registrierung in Ungarn zu entgehen. Wobei „Sammelstelle“ ein irreführender Begriff ist. Es handelt sich um einen einfachen Acker ohne jegliche Infrastruktur.

Alles basiert auf freiwilliger Arbeit

Derzeit gibt es dort eine Essensausgabe, ein Kleiderzelt und ein Zelt für medizinische Versorgung, das von „Ärzte ohne Grenzen“ betrieben wird (außer in akuten Notfällen traut sich dort aber fast niemand hin, weil viele Flüchtlinge Angst haben, dann registriert zu sein und nicht mehr weiterreisen zu dürfen); ein Zelt für die Ausgabe von Decken, Regenschutz, Zelten und Schlafsäcken haben wir am ersten Tag koordiniert. Die Organisation und Koordination basiert komplett auf der Arbeit von freiwilligen Helfer_innen (v.a. die ungarische NGO Migszol leistet vor Ort hervorragende Arbeit). Es gibt keinen Strom und keine angemessenen Versorgungszelte. Unsere zentrale Aufgabe war es, das mickrig kleine Zelt für die Ausgabe von Decken etc. regenfest zu machen und nebenbei hunderte Menschen mit dem allernötigsten gegen Kälte und Regen zu versorgen.

Wo ist der Staat, wo sind die Hilfsorganisationen?

Die Spendenbereitschaft der Menschen in Österreich und Deutschland für die Flüchtlinge ist derzeit groß und eine Welle der Solidarität und Empörung ist spürbar. In Röszke sind diese Spenden bitter nötig, sie sind allerdings ein Tropfen auf dem heißen Stein und können über die strukturelle Problematik sowie über die fehlende Koordination und Infrastruktur nicht hinwegtäuschen. So wichtig zusätzliche Spenden wie Regenschutz, warme Kleidung und ähnliches sind, derzeit braucht es vor allem Menschen, die bei der Koordination und Ausgabe der Hilfsgüter vor Ort mithelfen. Ich habe mich in den letzten Tagen immer wieder gefragt, wo eigentlich in solchen Dingen erfahrene Organisationen wie UNHCR, das Rote Kreuz oder ähnliche sind – ganz zu schweigen natürlich von den staatlichen Stellen.

Fehlende rechtliche Informationen

Neben humanitärer Hilfe ist auch rechtliche und politische Unterstützung zentral. Die geflüchteten Menschen haben wenig bis gar keine Informationen, auch weil sich die Lage ständig ändert. Die meisten von ihnen wollen nach Deutschland, aber der Weg dorthin ist völlig unklar. Während Syrer_innen derzeit relativ sicher in ungarische Busse einsteigen und nach Deutschland weiterreisen können, ist die Lage insbesondere für Menschen aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea (um nur einige zu nennen, die wir dort getroffen haben) besonders problematisch, weil sie bei einer Registrierung in Ungarn mit ziemlicher Sicherheit abgeschoben werden. Am Weg von der Grenze zwischen Serbien und Ungarn zum Lager in Röszke lagen haufenweise zerrissene Registrierungsdokumente aus Serbien am Boden, weil viele Flüchtlinge Angst haben, dass mit diesen Dokumenten die Weiterreise noch schwieriger wird. Viele Menschen versuchen dementsprechend zu Fuß weiter Richtung österreichischer Grenze zu kommen. Die Angst vor den ungarischen Behörden ist riesig.

Die Sache mit dem Müll

Ein zentrales Problem, das mittlerweile auch medial und von rechter Seite ausgeschlachtet wird, ist die Müllproblematik vor Ort. Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass die Menschen dort willentlich ihre Sachen wegschmeißen, sondern alles mit der nichtexistenten Infrastruktur und der Tatsache, dass diese Menschen eben auf der Flucht sind. Es gibt vor Ort zwar mittlerweile Müllcontainer, es dürfen aber keine für diese Situation angemessenen Geräte ins Lager. Es gibt keine angemessenen Versorgungszelte, d.h. bei Regen kann nicht gewährleistet werden, dass die Kleiderspenden entsprechend geschützt werden. In unregelmäßigen Abständen kommen ungarische Busse, die die Menschen ins nächste Camp oder in Richtung österreichische Grenze bringen, es gibt aber für die Flüchtlinge überhaupt keine Informationen darüber, wann diese Busse kommen, wohin sie fahren und wieviele Menschen sie mitnehmen. Viele Menschen wissen dementsprechend bei strömendem Regen und Kälte nicht, ob sie die Nacht (oder mehrere Nächte) auf dem Acker verbringen müssen oder irgendwann doch noch weitergebracht werden.

Was passiert morgen?

Die derzeitige Elendsverwaltung (und mehr kann das unter diesen politischen Umständen in der EU auch nie sein) wird dadurch erschwert, dass niemand weiß was morgen, am 15. September, passieren wird. Denn dann tritt in Ungarn ein Gesetz in Kraft, das es dem Militär ermöglicht, die Grenzen zu bewachen, und das drakonische Strafen für Fluchthilfe vorsieht. Damit ist es nicht nur eine Straftat, wenn Flüchtlinge unentgeltlich mit dem Auto mitgenommen werden, sondern auch, wenn man ihnen eine Packung Kekse anbietet. Der Stacheldraht, der in Ungarn über 175 Kilometer Grenze aufgebaut wurde, wird dann militärisch überwacht, das ungarische Militär rekrutierte bereits seit letzter Woche zusätzliche Mitarbeiter.

Auch Österreich ist verantwortlich

Natürlich werden dadurch nicht weniger Menschen flüchten. Aber die Fluchtwege von Serbien in die EU werden sich möglicherweise auf andere Routen verlagern und die Menschen müssen noch gefährlichere Wege auf sich nehmen, um irgendwie in die Festung Europa zu gelangen. Menschen, die vor Krieg und Elend fliehen, sollen mit Mauern, Stacheldraht und Soldaten abgewehrt werden. Dafür wird nicht weniger als ihr Tod in Kauf genommen – so wie das mit der Abschottung der Mittelmeer-Routen schon lange passiert. Verantwortlich dafür ist nicht bloß die ungarische Regierung. Verantwortlich ist die gesamte EU, verantwortlich sind auch Österreich und Deutschland, die am meisten vom derzeitigen Dublin-Abkommen profitieren. Und das macht mich unfassbar wütend.

Melanie Pichler ist Mosaik-Redakteurin und Politikwissenschafterin in Wien.

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