Gewalt als Selbstverständlichkeit: Wie Politik und Medien Frauen zur Zielscheibe machen

Foto: Gözde Taşkaya

Seit Jahren wird in der öffentlichen Debatte der Islam auf höchst problematische Weise zum Thema gemacht. Der Islam wird dabei als Feindbild konstruiert und für politische Zwecke missbraucht. Denn kaum eine Diskussion, in der der Rückgriff auf das „Islamthema“ erfolgt, kommt ohne die etablierten Sündenbock-Zuschreibungen und Abgrenzungsmechanismen aus. Auch in der Gesellschaft nehmen Islamophobie und Rassismus zu – mit direkten Auswirkungen auf das Leben von Menschen. So ist die direkte Folge dieser Instrumentalisierung auch, dass die Gewaltbereitschaft gegenüber sichtbaren Musliminnen steigt. 

Die öffentliche Debatte fördert hier eine zerstörerische Dynamik, die die Würde und Integrität des Individuums in Frage stellt und sich letztlich in Gewalt entlädt. Ein zentraler Mechanismus ist dabei das sogenannte „othering“. Dies bezeichnet einen Vorgang, der gesellschaftliche Gruppen als „Andere“ markiert. Dabei werden religiöse Symbole und andere Merkmale dazu missbraucht, islamophobe oder fremdenfeindliche Stereotypen zu konstruieren und Dichotomien zwischen den Konzepten „des Westens“ vs. „des Islam“ zu zeichnen. Ebenso betrifft dies Orientalismen, die den gefährlichen Araber auf der einen Seite sowie den moralisch überlegenen Europäer auf der anderen Seite konstruieren.

Diese Darstellungen dienen in erster Linie der Selbstvergewisserung der „eigenen“ Identität von Individuen und Gruppen. Wiederholtes othering führt jedoch auch dazu, dass diese Bilder Teil des kollektiven Bewusstseins werden und ein Gewaltpotential entfacht wird. In der Öffentlichkeit bedeutet das für sichtbare Musliminnen, als Zugehörige der markierten „Anderen“, dass sie zur Projektionsfläche werden. Als Folge davon sind sie im Alltag vermehrt Opfer von Diskriminierung und Gewalt.

Islamisierung und Arabisierung sozialer Probleme

Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln wurde deutlich, dass die Debatten rund um Sexismus und sexuelle Gewalt von internalisierten Orientalismen und Rassismen durchzogen sind. Deutlich wurde das nicht nur an der Formierung rechtsextremer Mobs, deren Anhänger plötzlich zu vermeintlichen Feministen mutierten, sondern auch an den Covern renommierter Zeitungen und Magazine: Es war die schwarze Hand des arabischen Mannes auf dem Körper der weißen Frau, die die Titelseiten zierte.

Das Thema Sexismus und sexualisierte Gewalt wurde missbraucht, um die Gruppe „der Anderen“ als Sündenböcke zu zeichnen und letztlich ein soziales Problem diversen Minderheiten unterzujubeln. Dabei wurde gezielt das „Islamthema“ mit dem „Asylthema“ in Verbindung gebracht. Orientalismen und islamophobe Rassismen wurden somit zur Erklärungsgrundlage für sexuelle Gewalt: Wie tolerant könne man AsylwerberInnen gegenüber eigentlich noch sein? In einem anderen Interview wurde behauptet, dass viele junge MuslimInnen dem anderen Geschlecht nicht entspannt begegnen könnten, ohne in hochsexualisierte Situationen zu geraten – was auch der Boden für die Übergriffe von Köln sei.

Statt eine sachliche Debatte über sexualisierte Gewalt zu führen, wurde mittels Feindbildern von der eigentlichen Problematik abgelenkt. Vollkommen unbeachtet bleibt beispielsweise die Situation geflüchteter Frauen, die besonders von Gewalt bedroht sind. Die aktuelle Debatte verschleiert auch, dass Sexismus und Gewalt gegen Frauen gesellschaftliche Probleme als solche sind. Dabei ist die Mehrheit der Täter nicht schwarz, nicht muslimisch und nicht arabisch. Der öffentliche Diskurs ignoriert damit nicht nur die Lebenswirklichkeit einer bedeutenden Gruppe Betroffener, sondern bestreitet auch Täterschaften.

Hasskriminalität nimmt zu

Nicht zuletzt bewirken derartige Scheindebatten schließlich, dass auch die zunehmende Hasskriminalität („hate crimes“) gegenüber muslimischen Frauen kaum wahrgenommen wird. Ziel von Übergriffen sind besonders oft Frauen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind. Dabei ist die zunehmende Angst vor rassistisch oder islamophob motivierten, gewalttätigen Übergriffen mittlerweile zu einem weltweiten Phänomen geworden.

ZARA dokumentiert zwar seit Jahren die Zahl rassistischer Übergriffe in Österreich, die gestiegene Hasskriminalität gegenüber Musliminnen wird jedoch noch nicht ausreichend erfasst. Die Berichte von Frauen sprechen allerdings von denselben diskriminierenden Erlebnissen und Übergriffen: Sie reichen von Beleidigungen, Spuckattacken, dem Zerren am Kopftuch bis hin zu schweren Verletzungen und schließlich Mord – wie es bei diversen Attentaten gegen Musliminnen in den USA im vergangenen Jahr der Fall war.

Eine besondere Schwierigkeit stellen für viele Betroffenen die Hürden dar, die mit der Anzeige und Dokumentation dieser Straftaten in Zusammenhang stehen. Deshalb wird hinsichtlich der Erfassung eine weit höhere Dunkelziffer vermutet. Denn verbale, rassistisch motivierte Attacken, zum Teil aber auch Handgreiflichkeiten, gehören für viele muslimische Frauen bereits zum Alltag. Das verstärkt das Gefühl der Hilflosigkeit, sowie den Eindruck, dass nicht viel dagegen auszurichten ist. Nicht zuletzt wird in derartigen Situationen Zivilcourage von MitbürgerInnen als unterstützend empfunden. Nach einem Vorfall ist auch emotionaler Beistand sehr wichtig.

All das zeigt, wie notwendig auch politische Maßnahmen gegen Rassismus und Gewalt sind. Wir müssen jedoch auch gegen jene auftreten, die zwar selbst keine physischen Gewaltakte begehen, aber den rassistischen Diskurs befördern – und dadurch zu MittäterInnen werden. Dies sind nicht nur die zuvor erwähnten MeinungsmacherInnen in den Medien, sondern vor allem auch die Politik. Denn jedes Mal, wenn Wahlen bevorstehen, ist dies für sichtbare Musliminnen im Alltag im wahrsten Sinne des Wortes spürbar.

Wenn die Regierung die Gesellschaft spaltet

Gestiegene Hasskriminalität an Frauen ist nicht unabhängig von rechtspopulistischer Hetze, die Rassismus aufrechterhält, um vermeintliche Antworten auf soziale Probleme zu liefern. Der Rechtsruck, den wir in der Politik gerade erleben, erzeugt dabei einen Nährboden für rassistische Übergriffe.

Wenn die Regierung eine „Wertedebatte“ führt, dann spaltet sie die Gesellschaft in ein „Wir“ und „die Anderen“ und betreibt damit othering sondergleichen. Dadurch produziert sie Ausschlüsse und schafft die Grundlage für Hass und Gewalt. Es zählt jedoch nicht nur die Rhetorik rechter Parteien, sondern vor allem auch all jener politischen AkteurInnen, die deren Sprache mittlerweile übernommen haben.

Selbstorganisation als erster Schritt

Die gestiegene Angst von Musliminnen vor gewalttätigen Übergriffen ist mittlerweile zu einem globalen Phänomen geworden. Die zunehmende Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen für Musliminnen in Städten wie London, New York, Ottawa und auch Wien weist ebenfalls auf ein zunehmendes Problem hin.

Da Frauen unterschiedlichen Formen der Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen sowie religiösen Zugehörigkeit und Kleidungswahl ausgesetzt sind, kommt es zusehends zu unterschiedlichen Formen der Selbstorganisation. Neben Selbstverteidigungskursen und dem Blog der Anderen, einer Plattform für Musliminnnen, auch anonym über hatecrimes zu berichten, bietet etwa das Netzwerk Muslimische Zivilgesellschaft HipHop Kurse an, in denen muslimische Frauen auch künstlerische Empowerment-Strategien erarbeiten. Nicht zuletzt müssen Musliminnen für sich selbst sprechen.

Ein Diskurs, der Frauen entmündigt, sie zu feindlichen Objekten degradiert, ihnen grundlegende Rechte abspricht, die Entscheidungshoheit auf ihren Körper nicht ihnen selbst überlässt und sie letztlich zur Zielscheibe von Gewalt erklärt, ist das alte frauenfeindlich Kampffeld, in dem wir stets zusammen- und füreinander einstehen sollten!

Hümeyra Kestane ist Sozialpädagogin, studiert Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache an der Uni Wien und ist aktiv im Netzwerk Muslimische Zivilgesellschaft.

Nasfie Jonuzi ist islamische Religionspädagogin, studiert an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule und ist aktiv im Netzwerk Muslimische Zivilgesellschaft. 

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