„Es ist frustrierend, wenn ich als Pädagogin meine Arbeit nicht so machen kann, wie ich könnte“

Foto: josefnovak33

„Das ist ja wie im Kindergarten“, sagt man, wenn etwas überraschend mühsam ist. Und trotzdem herrscht ein romantisiertes Bild über den Alltag von ElementarpädagogInnen vor.  Frauen singen mit im Kreis sitzenden, lachenden Kindern fröhliche Lieder, dann wird gebastelt und Mittagsschlaf gibt es auch. Schon vor Jahren gründete sich der „Kindergartenaufstand“, der auf die Missstände im Bereich der Elementarpädagogik hingewiesen hat. Die Bedingungen haben sich seitdem kaum verbessert. Im Gegenteil: Der Druck auf die PädagogInnen hat sogar noch zugenommen. Maria Seiler* und Magdalena Gruber*, zwei Elementarpädagoginnen aus Wien sprechen mit mosaik-Redakteurin Hanna Lichtenberger anlässlich der heutigen Protestaktion über die Herausforderungen des Arbeitsalltages im Kindergarten. Deutlich wird: Singen und Basteln alleine macht noch keine Elementarpädagogik. Denn erst wer schlecht bezahlt und unter hoher Lärmbelastung auf die vielfältigen Bedürfnisse von 21 Menschen gleichzeitig eingehen muss und dabei noch eine ganze Reihe Organisatorisches zu erledigen hat, der/die kann zurecht sagen: „Das ist ja wie im Kindergarten!“.

Hanna Lichtenberger: Wie sieht denn ein ganz normaler Tag im Kindergarten aus? Wofür sind ElementarpädagogInnen verantwortlich?

Maria Seiler: ElementarpädagogInnen werden zu Unrecht immer noch als liebe Tanten gesehen, die den ganzen Tag spielen, basteln und singen. Der Alltag im Kindergarten verlangt viel mehr als dieses klassische Handwerkszeug.

Magdalena Gruber: Genau, die Aufgaben von PädagogInnen sind sehr vielfältig: Bildungsangebote durchführen, Freispiel leiten, Elterngespräche führen, individuell auf die Kinder eingehen, für sie da sein, Organisatorisches erledigen, Kinder beobachten, sich mit KollegInnen absprechen, Dokumentation der Arbeit, Planung und vieles mehr.

Maria Seiler: Beobachten ist ein gutes Stichwort: Krippe und Kindergarten sind meist die ersten Orte für Kinder, in denen sie getrennt von ihren zentralen familiären Bezugspersonen den Alltag bestreiten. Zentral für ein positives Erleben dieser Erfahrung ist die Beziehung des Kindes zur Pädagogin und zu den anderen Kindern. ElementarpädgagogInnen müssen in der Lage sein Gefühlszustände von Kindern zu erkennen, um sie dabei zu unterstützen diese zu regulieren. Es braucht viel Zeit und Aufmerksamkeit seitens der Erwachsenen, um (Selbst-)Bildungsprozesse von Kindern sinnvoll zu begleiten. Gerade in den ersten Lebensjahren sind Kinder permanent damit beschäftigt, die Welt überhaupt zu erkunden, ordnen und verstehen. Das Aneignen der Welt und ihrer Selbst ist ein sehr sensibler Bildungsprozess, der gerade auch im freien Spiel stattfindet. ElementarpädagogInnen sind hier mitverantwortlich, wie diese Erfahrungs- und Erkenntnisprozesse gestaltet werden, so dass Kinder in ihrer Eigenaktivität und ihren biographischen Erfahrungen geschätzt werden. Elementarpädagog/innen begleiten dabei jedoch nicht nur die Kinder selbst, sondern auch die Arbeit mit der Familie und anderen sozialen Systemen des Kindes sind wichtige Aufgaben. Die Zeit und Ruhe für diese Aufgaben fehlt durch die schlechten Rahmenbedingungen, wie etwa viel zu große Gruppen und den zu niedrigen Betreuungsschlüssel.

Magdalena Gruber: Im Kindergartenalltag gibt es Momente, in denen alles und jedeR gleichzeitig etwas von dir braucht. Ein Kind möchte ein Buch vorgelesen bekommen, ein Elternteil möchte etwas an der Türe besprechen, zwei Kinder streiten sich in der Gruppe, ein Kind muss ganz dringend zur Toilette und braucht deine Hilfe, ein Eingewöhnungskind weint, weil es nicht allein gelassen werden möchte, das Telefon läutet und die KollegIn möchte den Tagesablauf besprechen. Gleichzeitig hast du die Aufsichtspflicht für 21 Kinder und sollst alle im Auge behalten. Natürlich ist das eine „Extrem-Situation“ die so nicht jeden Tag vorkommt. Hin und wieder kann der Alltag im Kindergarten schon sehr herausfordernd sein.

Von sozialen Berufen gibt es oft romantisierte Vorstelltungen und die Idee, die KollegInnen würden diese Tätigkeiten aus purer Nächstenliebe ausüben. Was fordert denn besonders an dem Beruf der/des Elementarpädagogin/Elementarpädagogen?

Magdalena Gruber:  Besonders fordernd finde ich z.B., wenn auf Grund von Krankenständen, Urlauben oder Fortbildungen Kolleginnnen im Haus fehlen. Wir versuchen natürlich so gut wie möglich solche Situationen zu planen, Dienstpläne zu verschieben, Aushilfen anzufordern. Trotzdem kommt es immer wieder zu herausfordernden Tagen, wo dann eine kurze Pause um z.B. auf die Toilette zu gehen nur schwer zu organisieren ist.

Belastend finde ich auch den Lärm im Kindergarten. Selbst wenn die Kinder konzentriert spielen, ist der Geräuschpegel im Gruppen- oder Bewegungsraum sehr hoch. PädagogInnen sind dem oft den ganzen Tag ausgesetzt. Generell ist es frustrierend, wenn ich als PädagogIn meine Arbeit nicht so machen kann, wie ich es könnte, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht ausreichen.

Maria hat erwähnt, der Betreuungsschlüssel ist zu niedrig. Wie sieht der denn konkret aus und welche Arbeit gerät da schnell unter die Räder?

Maria Seiler: Gruppengröße und Betreuungsschlüssel ist in jedem Bundesland anders. In den meisten Kindergärten ist eine PädagogIn für bis zu 25 Kinder verantwortlich. Eigentlich sollte eine Pädagogin nur 7 oder 8 Kinder betreuen. Auch in Kinderkrippen kann der empfohlene Schlüssel von 1:3 nicht eingehalten werden. Dadurch fehlt Zeit und Ruhe für die Begleitung der Lernprozesse der Kinder. Auch die immerzu geforderte Sprachförderung kann nur mit entsprechenden Ressourcen sichergestellt werden. Sprache wird erlernt indem Kinder miteinander und mit Erwachsenen sprechen. Dafür braucht es Zeit. Am schwerwiegendsten ist jedoch die fehlende Zeit um zu beobachten und zuzuhören. Viele junge Kinder müssen bereits schwierige Situationen bewältigen, oder sind sogar von psychischer oder physischer Gewalt in der Familie betroffen. Um diese Probleme bemerken und bearbeiten zu können braucht es eine vertraute Beziehung und PädagogInnen, die selbst nicht unter Druck stehen.

Wie hat sich das verpflichtende Kindergartenjahr auf die Arbeitsverhältnisse ausgewirkt?

Maria Seiler: Zuerst muss ich sagen, dass ich es an sich gut finde, dass durch das verpflichtende Kindergartenjahr mehr Kinder Zugang zur Institution Kindergarten haben. Dies ist allerdings nicht mit genügend Ressourcen begleitet worden. Es wird verstärkt in Quantität investiert und das geht auf die Kosten der Beschäftigten und Kinder im Kindergarten. Es gibt bereits seit längerer Zeit zu wenige PädagogInnen in Wien. Dadurch übernehmen Beschäftigte ohne entsprechende Ausbildung oftmals auch Aufgaben von PädagogInnen. Das ist für alle Beteiligten eine Zumutung.

Hat der Druck in den letzten Jahren zugenommen? Wie sieht es mit Vor- und Nachbereitungszeiten aus?

Maria Seiler: Der Druck hat in den letzten Jahren auch deshalb zugenommen, weil die Anforderungen an den Kindergarten steigen, während die Ressourcen gleich bleiben. Auch die Auswirkungen der Krise werden im Kindergarten spürbar. Wenn Familien unter Druck stehen, wirkt sich das auch auf die Kinder aus.. Die Vor- und Nachbereitungszeiten sind bei weitem nicht ausreichend. Am schwierigsten finde ich jedoch, dass es so gut wie keine Zeit für die Besprechung im Team gibt. Die PädagogInnen, die in derselben Gruppe arbeiten, wechseln sich ab und sind damit kaum in der Lage die Situation eingehend zu besprechen. Für das gesamte Team gibt es eine wöchentliche einstündige Teamsitzung. Das ermöglicht nur die Besprechung von anstehenden Festen oder anderen administrativen Angelegenheiten. Die Bildungsprozesse der Kinder und das pädagogische Handeln müssten jedoch viel mehr Platz einnehmen. Und auch die Anliegen und Bedürfnisse der Erwachsenen müssen genügend Platz im Kindergartenalltag haben. Die Arbeit mit Kindern darf kein Liebesdienst und keine Aufopferung sein..

Magdalena Gruber: Das erlebe ich auch so, zudem sind die Vorbereitungszeiten zu kurz. Ich muss vieles in meiner Freizeit erledigen. Oft fällt es mir schwer in meiner Freizeit „abzuschalten“. Ich denke viel über Situationen und Kinder aus der Arbeit nach. Die Eingewöhnungszeit im Herbst ist eine besondere Herausforderung für Eltern, Kinder und PädagogInnen. In der Zeit, in der viele jüngere Kinder (1- bis 3-Jährige) gleichzeitig zu uns in den Kindergarten kommen, hat man oft das Gefühl überlastet zu sein.

In der sozialen Arbeit und im Bildungsbereich sind Kolleg_innen oft mit schwierigen Situationen konfrontiert. Gibt es die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen über diese Herausforderungen zu sprechen/zu reflektieren?

Maria Seiler: Es gibt die Möglichkeit Supervision zu beantragen. Das ist jedoch nicht einheitlich geregelt und obliegt letztlich der Trägerorganisation des Kindergartens. Die Begleitung der PädagogInnen durch Fachberatung und Supervision müsste kontinuierlich sein und in der Arbeitszeit stattfinden. Denn letzlich können Erwachsene nur eine haltende Umgebung für Kinder schaffen, wenn sie selbst Halt finden.

Die Kleinkindpädagogik ist ein frauendominierter Beruf, was oft ins Zentrum der Kritik gerät. Um den Beruf für Männer attraktiver zu machen, soll das Gehalt gehoben werden. Es scheint, als würde die schlechte Bezahlung von Frauen in diesem Bereich kein Grund für Gehaltserhöhungen sein. Wie erlebt ihr das?

Maria Seiler: Ja, ich erlebe es genau so. Ich finde es sehr wichtig, dass mehr Männer im Kindergarten arbeiten. Für die Kinder, aber auch hinsichtlich einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung, die Sorgearbeit nicht automatisch Frauen zuweist. Seit einigen Jahren wird nun schon die Professionalisierung und Aufwertung der Elementarpädagogik diskutiert. Und in der Frage um die Akademisierung der Elementarpädagagik gibt es ganz schnell sehr laute Gegenstimmen. ‘Teure’ ElementarpädagogInnen könnten wir uns als Gesellschaft nicht leisten, ist da der Tenor. Und gerade deshalb ist es schon beeindruckend, wie schnell Gehaltserhöhung Teil der Debatte wird, wenn es um Männer geht.

Wichtig ist in dem Kontext auch, dass Geschlechtszugehörigkeit nicht ausreicht, um eine gute pädagogische Arbeit zu leisten. Eine Reduktion auf die Geschlechtszugehörigkeit wäre hinsichtlich der Professionalisierung sogar kontraproduktiv, denn es benötigt Frauen und Männer MIT guten Qualifikationen.

Welche drei Maßnahmen würdet ihr umsetzen, wenn ihr einen Tag zuständige Ministerin oder Stadträtin wäret?

Maria Seiler: Sofort umsetzen würde ich die Reduktion der Gruppengröße, mehr und besser ausgebildetes Personal und verpflichtende Supervision. Die Plattform EduCare hat bereits einen Entwurf für ein Bundesrahmengesetz erarbeitet, der noch viel weitreichende Forderungen enthält. So etwa die zusätzlichen notwendigen Ressourcen um allen Kinder mit ihren Bedürfnissen und Begabungen gerecht zu werden. All diesen Forderungen stehen eigentlich auch kinderrechtliche Standards zur Seite. So sind adäquater Rahmenbedingungen notwendig um die Rechte der Kinder auf Bildung, kindliche Entwicklung, Partizipation, Inklusion und Gewaltprävention tatsächlich umzusetzen und abzusichern. Weil Kinder in so jungen Jahren schlecht für sich selbst eintreten und sich organisieren können, ist die erwachsene Stellvertretung wichtig. Das darf allerdings nicht bedeuten, dass Kinder nicht ernst genommen werden. Vielmehr geht es darum, die alltäglich formulierten Bedürfnisse von Kindern in der Krippe und im Kindergarten politisch wirksam zu machen.

Magdalena Gruber:  Bei mir ist es ähnlich, der wichtigste Punkt ist die Umsetzung einer kleineren Gruppengröße. Außerdem braucht es dringend mehr entlohnte Vorbereitungszeit und drittens wäre es wichtig, angemessene Gehälter zu zahlen.

2009 und 2010 hat schon Organisierung im Bereich der KleinkindpädagogInnen geben. Der “Kindergartenaufstand” wurde damals nur zurückhaltend von der Gewerkschaft unterstützt. Hat sich das geändert? Wo gibt es Hürden in der Organisierung von Streiks und anderen Aktionen im Kindergarten-Bereich?

Maria Seiler: Es gibt alle Jahre wieder einmal eine Demonstration, die jedoch meist Samstags stattfindet und vor einem leeren Ministerium endet. Die Protestaktion heute ist natürlich auch ein guter Schritt um Protest zu organisieren. Ein Problem für die Organsierung eines breiteren Protests ist, dass mehrere unterschiedliche  Gewerkschaften zuständig sind. Auch die Tatsache, dass die Beschäftigten in kleinen Teams über das ganz Land verstreut sind erschwert Vernetzung und Organisierung auf breiter Basis. Das größte Problem sehe ich allerdings darin, dass Frauenberufe leider immer noch nicht wirklich beachtet werden, wenn es um gewerkschaftliche Organisierung geht. Sozial- und Gesundheitsberufe verfügen nicht über die klassische Produktionsmacht, wie etwa die Metaller. Wenn die Räder im sozialen Bereich still stehen, dann hat das allerdings große Auswirkung auf das Funktionieren einer Gesellschaft. Das ist zum einen ein Vorteil, zum anderen jedoch auch eine Schwierigkeit, weil Kinder und kranke Menschen weiterhin betreut werden müssen. Aber der Kita-Streik in Deutschland hat gezeigt, dass vieles möglich ist, wenn der Streik auch von den Eltern mitgetragen wird. Letztlich wären die Voraussetzungen für eine kämpferische gewerkschaftliche Organisierung der Beschäftigten im Kindergarten gegeben.

Was bräuchte es, um eine starke gewerkschaftliche Organisierung auf die Beine zu stellen?

Maria Seiler: Um die Forderungen durchzusetzen braucht es eine breite Mobilisierung der Beschäftigten, mit der Unterstützung der Eltern und Kinder. Die Unzufriedenheit mit den Rahmenbedingungen ist groß und es gibt viele Menschen, die sich schon jetzt ehrenamtlich engagieren um sich für eine Reform einzusetzen. Es scheint jedoch leider so zu sein, dass die KollegInnen zuerst den Druck auf die eigenen Gewerkschaften erhöhen müssen, um diesen Prozess in Gang zu setzen. Die KollegInnen und Gewerkschaften in Deutschland haben einiges vorgelegt und die Wiener GPA-djp setzt mit der Protestaktion heute ein Zeichen. Ich sehe auch, dass die elementarpädagogische Community immer stärker wird. Die bundesweite Vernetzung innerhalb der Elementarpädagogik hat dank Initiativen wie EduCare deutlich zugenommen. Die ersten Studiengänge bringen da auch noch zusätzliche Ressourcen für Austausch und Debatte. Ich erlebe viele starke PädagogInnen, die die Situation in den Kindergärten verbessern wollen. Ich bin mir sicher, dass die Stimmen für eine Reform in den nächsten Jahren lauter und selbstbewusster werden.

Unter dem Titel “AUSGESPIELT! Es reicht!” ruft die Themenplattform Elementar-, Hort- & FreizeitpädagogInnen der Wiener GPA-djp ruft zur Protestaktion vor das Wiener Rathaus auf (Mittwoch, 21.10. um 17:30 Uhr, Friedrich-Schmidt-Platz/Felderstraße, 1010 Wien)

Gefordert wird unter anderem an einheitliches Bundesrahmengesetz, dass die derzeitige Fassung des Wiener Kindertagesheimgesetzes ersetzen soll. Mit dem Bundesrahmengesetz sollen für Kinder und Pädagog_innen Mindeststandards festgelegt werden um so den gestiegenen pädagogischen Anforderungen qualitativ nachzukommen. Desweiteren fordert die Gewerkschaft mehr bezahlte Vor- und Nachbereitungszeit, die Änderung des PädagogInnen-AssistentInnen-Schlüssels, und die Senkung der Kinderanzahl pro geführter Gruppenform.

Magdalena Gruber ist Elementarpädagogin und arbeitet seit sechs Jahren in einer KiWi-Gruppe in Wien. Maria Seiler ist Elementarpädagogin und Sozialwissenschafterin. (Beide Namen sind von der Redaktion zum Schutz der Arbeitnehmerinnen geändert worden.)

Hanna Lichtenberger ist Historikerin und Politikwissenschafterin und Redakteurin von mosaik.

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