Alfred B

Am 1. Oktober tritt das Verschleierungsverbot in Kraft. Warum es dabei nicht um Integration, sondern um Macht über Frauen und Rassismus geht, erklärt Ümmü Selime.

Traut man den Titelseiten österreichischer Zeitungen trägt scheinbar jede zweite Muslimin in Österreich Niqab. Tatsächlich geht es um rund 100 Frauen und doch überlagert diese Debatte alles.

Integration wird an der Kleidung gemessen

In der Umgangssprache ist die Rede von „Burka“, die das Gesicht völlig bedeckt und in Teilen Afghanistan üblich ist. Welche Assoziationen der Begriff damit hervorruft, ist eine andere Sache. Fakt ist: In Österreich gilt ab dem 1. Oktober das Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz oder, wie man schön sagt, das „Burka-Verbot“. Beschlossen wurde dies mit dem neuen Integrationsgesetz. Laut dem Gesetzestext dient das Verbot der „Förderung von Integration durch die Stärkung der Teilhabe am gesellschaftlichen Zusammenleben“. Was Integration eigentlich bedeutet ist eine interessante Frage und oft unklar. Die Regierung misst den „Grad der Integration“ offenbar an der Kleidung.

Verfremden und Verschleiern

Das Gesetz macht Musliminnen, die in Österreich geboren, aufgewachsen und sozialisiert sind und sich für einen bestimmten Kleidungsstil entschieden haben, zu „noch zu integrierenden“ Menschen. Damit werden sie verfremdet. Das Gesetz lädt ein Kleidungsstück autoritär und fremdbestimmt symbolisch auf und suggeriert, dass Musliminnen mit Gesichtsschleier Fremde sind, die nicht „unseren Werten“  entsprechen. Wie kann es sein, dass auf der einen Seite Integration angestrebt wird, aber auf der anderen Seite bereits integrierte Musliminnen verfremdet werden? Die endlose Debatte über die Kleidung muslimischer Frauen verschleiert letztendlich grundlegendere Probleme, wie etwa Bildung und Arbeitslosigkeit.

Zwangsbefreiung

In der ganzen Debatte rund um den Gesichtsschleier stehen Themen wie „Emanzipation“ oder „Befreiung“ der Frau scheinbar im Mittelpunkt. Die Befürworter des Gesetzes behaupten, es helfe Frauen in die Gesellschaft zu inkludieren, indem man ihnen vorschreibt wie sie sich zu kleiden haben. Davon sind nicht nur Frauen betroffen die Gesichtsschleier tragen, sondern alle Frauen. Denn damit wird allen Frauen ihr Selbstbestimmungsrecht abgesprochen. Die Emanzipation der Frau in Form von Zwang ist keine Emanzipation, sondern eine Bevormundung und beschneidet sie in ihrer Freiheit. Hier versuchen autoritäre und patriarchale Kräfte Frauen vorzuschreiben wie sie sich anzuziehen haben, mit der Argumentation, sie von ihren Zwängen befreien zu wollen.

Gegen die Interessen von Frauen

Es kann unmöglich im Interesse von Frauen sein, wenn Männer in Anzügen am Verhandlungstisch über die Bekleidung von Frauen verhandeln. Worin liegt der Unterschied, wenn man Frauen vorschreibt, weniger Stoff anzukleiden und dann anderen patriarchalen Hegemonien vorwirft, sie würden Frauen zwangsbekleiden? Die Obsession, über den Frauenkörper Macht zu besitzen, ist auch Teil einer kolonialen Geschichte. Die verschleierte Frau als Mythos, die in Opposition zur westlichen Welt steht. Die verschleierte Frau wird als trivial und fern von jeder Entwicklung dargestellt. Der Zwang zur Entschleierung soll sie in die Gesellschaft einbinden. Diese falsche Vorstellung gehört benannt. Wenn man heute den Gesichtsschleier verbietet, kann man morgen ein anderes Kleidungsstück verbieten und das alte Denkmuster bleibt immer gleich: Sexismus.

Die Debatte befeuert Übergriffe

Das vorliegende Gesetzt marginalisiert und kriminalisiert Musliminnen und drängt sie an den Rand der Gesellschaft. Es bewirkt das Gegenteil von Integration. Die ganze politische und mediale Debatte rund um das Vollverschleierungsverbot hat eindeutig Symbolcharakter und wird auf den Rücken der Musliminnen betrieben. Die Trägerinnen der Gesichtsverschleierung werden zu Feindbildern gemacht, an deren Kleidungsstück eine angeblich antidemokratische Gesinnung deutlich wird.

Folge dieser Fremdbestimmung ist die Stigmatisierung von Frauen und das schlägt sich im Alltag nieder. Rassismus und Diskriminierung sind überall präsent. Befeuert durch den offiziellen Diskurs steigt die Zahl der verbalen und körperlichen Angriffe auf Frauen die als MuslimInnen verstanden werden. Nach dem Antimuslimischen Rassismus Report 2016 sind 98 Prozent der Betroffenen von Übergriffen Frauen. Unter dem Vorwand von Fortschritt und Liberalität werden Musliminnen zur Projektionsfläche gemacht. Aber der Staat hat nicht in Belangen von Personen einzugreifen, die sich aus kulturellen, religiösen, sonstigen Gründen der persönlichen Identität für eine Gesichtsverschleierung entschieden haben, solange die Gesetze eingehalten werden.

Ümmü Selime Türe ist Kultur- und Sozialanthropologin und Sozialbetreuerin. Sie forscht zur Darstellung von Geflüchteten in den Medien und ist aktiv gegen antimuslimischen Rassismus.

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