Börsen crashen: Kapitalismus heißt Krise, Krise heißt Entscheidung

Foto: Eric Constantineau

Der gestrige „schwarze Montag“, der ausgehend von den chinesischen Börsen, weltweit die Aktienkurse einbrechen ließ, zwingt uns, eine Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen, die sich bisher unterhalb der Wahrnehmungsgrenze der Öffentlichkeit vollzog: Die Krise der Weltwirtschaft ist nicht zu Ende, sie hat sich vielmehr räumlich verlagert, in einen Schwelbrand verwandelt, um nun wieder offen hervorzutreten. Zeit für entscheidende Fragen gesellschaftlicher Transformation, denn Kapitalismus heißt Krise.

Schon Mitte Juni brach der Shanghai Composite Index – der drittgrößte Aktienmarkt der Welt – um 30 Prozent ein. Aktienwerte von 3 Billionen Euro wurden vernichtet. Um das Ausmaß der Zerstörung zu verdeutlichen: Das entspricht rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung der Europäischen Union im Jahr 2014 und ist die knapp zehnfache Größe der Gesamtschuldenlast Griechenlands. Nachdem der chinesische Staat mit bisher einmaligen Notkäufen und Zwangsmaßnahmen intervenierte, konnte die Lage vorerst beruhigt werden.

Letzte Woche begann jedoch die zweite Etappe der Krise: Die chinesischen Börsenwerte fielen um insgesamt 11 Prozent, um gestern an einem einzigen Tag 8,5 Prozent zu verlieren. „Wir sind mitten in einer Panikattacke und China ist das Epizentrum“ erklärten die Analysten von JP Morgan. Doch der Crash blieb nicht auf Asien beschränkt: „Wall Street im freien Fall“ titelte die Welt, um den Kursrutsch gleich zu Beginn des Handelstages an der Wallstreet zu beschreiben. Frankfurt schloss mit Verlusten von 4,7 Prozent, während London, dass besonders von Rohstoffen getrieben wird, deren Preise die mittel- bis langfristigen Wirtschaftserwartungen anzeigen, schon seit Monaten auf Talfahrt ist.
Werden wir in den nächsten Tagen eine ähnliche Finanzkrise wie 2008 erleben? Nimmt man bei Marx Anleihe, ist das nicht unwahrscheinlich. Schon 1847 schrieb er: „Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“

Marx hatte Recht

Die Bearbeitung der 2007 einsetzenden Krise scheint Marx zu bestätigen: Durch die Bankenrettungspakete verhinderten die Staaten zwar den völligen Zusammenbruch der Weltwirtschaft, gleichzeitig stoppten sie damit aber die Entwertung des durch Überakkumulation entstandenen Kapitals. Damit droht sich die Krise auf erhöhter Stufenleiter zu wiederholen.

Denn aufgrund der Tatsache, dass eine radikale Umverteilung des Kapitals weltweit ausblieb, sucht es nach dem Platzen der Immobilienblase in den USA, der Kernschmelze der Finanzmärkte und den dadurch niedrigen Zinsen nach neuen Verwertungsmöglichkeiten. Kapitalverbände setzten für Investitionen und Exporte auf den „Wachstumsmotor China“. Doch auch dort brachen die Profite, wenn auch verzögert, ein. Waren sie vor dem Ausbruch der Krise um 39 Prozent angestiegen, reduzierten sie sich 2010 auf 16 Prozent, um 2014 völlig einzubrechen.

Angesichts negativer Renditen verließen die Kapitalbesitzer die klassischen Investitionsfelder. Gao Hong, Manager bei Jinxi Axle Co (ein Unternehmen, das eigentlich Produkte für den Eisenbahnsektor herstellt), meint dazu, dass die Renditen im bisherigen Geschäftsbereich so stark sanken, dass man aufgrund der Erwartungen der Investoren „begann Bankprodukte zu kaufen.“ Fallende Profitraten in der Industrie führen zu Blasenbildungen an den Finanzmärkten – keine unbekannte Dynamik in der Geschichte des Kapitalismus.

Die weitere Verlaufsform der Krise lässt sich nicht vorhersagen. Vieles wird von den Entwicklungen des heutigen und der kommenden Tage abhängen. Werden die Kurse weiter einbrechen? Werden die chinesische Immobilienblase platzen und Unternehmen massenhaft in Konkurs gehen? Werden weltweit Banken erneut notleidend und die Kredite austrocken? Einige Anzeichen sprechen dafür. Umgekehrt ist derzeit nicht auszuschließen, dass es „nur“ bei einer Finanzkrise von mittlerem Ausmaß bleibt, die sich auf Asien konzentriert.

Eines ist jedenfalls schon jetzt klar: Der Wachstumsmotor stottert und sorgt für Erschütterungen der Weltwirtschaft. Im Juli brach der Absatz von neuen Autos um 6 Prozent ein. Das trifft nicht zuletzt Deutschland, das mit seinem Exportweltmeister-Modell drastisch von ausländischer Nachfrage abhängig ist. So stammt beispielweise die Hälfte des gesamten VW-Gewinnes aus China. Dazu kommt die Mitte August vorgenommene Rekordabwertug des Yuans, mit der dem Einbruch des Wirtschaftswachstums entgegengewirkt werden soll. Das heizt die Währungskonkurrenz an und wird für eine weitere Instabilität der Weltwirtschaft sorgen. Die nächste Krisenetappe scheint damit vorprogrammiert.

Doch schon das momentane Einbrechen der Märkte und das mit ihm verbundene menschliche Elend sollte ein Anlass sein, eine Debatte zu beginnen, die im Anschluss an die Krise 2008 viel zu leise geführt wurde und viel zu schnell verstummte: Spätestens, wenn man seinen Blick über den Tellerrand des ökonomischen Zentrums hinaus richtet, lässt sich der Kapitalismus als Dauerkrise beschreiben.

Sozial-ökologische Transformation

Es braucht daher eine unaufgeregte Debatte über eine sozial-ökologische Transformation zu seiner Überwindung. Wie können wir eine (Re)-Produktionsweise demokratisch hinter uns lassen, die strukturell krisenhaft ist, fremde Arbeit aneignet, den Planeten aufheizt und die (Für-)Sorgearbeit weitgehend unbezahlt Frauen zuweist? Wie sieht eine attraktive Lebensweise für alle aus, welche die kolonialen Wunden schließt anstatt an den Grenzen des ökonomischen Zentrums ständig neue Gewalt zu verüben?Und wie lässt sich eine Bewegung in Gang setzten, welche damit beginnt, die jetzigen Zustände aufzuheben?

Krisen verschieben die Kräfteverhältnisse nicht automatisch zugunsten emanzipativer Perspektiven. Das hat uns der seit 2008 verstärkt einsetzende Aufstieg des Rechtspopulismus erneut gezeigt. „Ausgeschlossen werden kann, dass die Wirtschaftskrisen von sich aus fundamentale Ereignisse hervorbringen können; sie können nur einen günstigen Boden bereiten, um entscheidende Fragen zu denken, zu stellen und zu lösen“ (Antonio Gramsci)

Lukas Oberndorfer ist Wissenschafter in Wien und arbeitet vor allem zur europäischen Krise und ihrer autoritären Bearbeitung. Er ist Redakteur von mosaik und blog.arbeit-wirtschaft.at. Du kannst ihm auf Twitter oder Facebook folgen.

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