Auf den Barockaden: Wem gehört die Stadt?

Foto: Matthias Heckmann

2008 wird bekannt, dass der sogenannte Augartenspitz mit einer privaten Konzerthalle bebaut werden soll. Das Areal ist ein Teil des öffentlichen Parks Augarten im zweiten Wiener Gemeindebezirk und ein beliebtes Rückzugsgebiet für die Stadtbevölkerung. Gegen die Bebauung regt sich schon bald ein lokaler BürgerInnenprotest. Rund um die Künstlerin Raja Schwahn-Reichmann entwickelt sich eine Bewegung, deren Aktivismus sich durch eine spezifische Form von Humor und Fantasie auszeichnet: Mit einer (ausgerechnet) barocken Inszenierung der Proteste wird nicht nur öffentliches Interesse für das Anliegen geschaffen. Die Kreativität ist auch von einer motivationsstiftenden Kraft nach innen. Trotz erbitterten Widerstands wird die Konzerthalle 2012 jedoch gebaut. Der Abriss des barocken Wärterhäuschens wird durch den Protest verhindert. Das letzte verbleibende Zelt des Protestdorfes ist nach vielen Jahren zu einem Symbol für den am längsten andauernden BürgerInnenprotest in Wien geworden.

Die Wiener Regisseurin Doris Kittler hat den Protest als Aktivistin begleitet und filmisch festgehalten. Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, der gegenwärtig durch österreichische Kinos tourt und bald auch bei der DIAGONALE zu sehen sein wird. Im Rahmen von begleitenden Podiumsrunden und Publikumsdiskussionen wird Erfahrungswissen ausgetauscht und immer wieder die Frage erörtert, wie zivile Protestformen aussehen können.

Die mosaik-RedakteurInnen Benjamin Opratko und Lisa Sinowatz haben eine der Vorführungen besucht und mit Doris Kittler und Hans Christian Voigt, Soziologe und selbst Augarten-Aktivist, über die Erfahrungen gesprochen, die sie „auf den Barockaden“ gesammelt haben.

Benjamin Opratko: Doris, in deinem Film „Auf den Barockaden“ sieht man Menschen, die sich in enge Barockkostüme zwängen und im Wiener Gemeinderat intervenieren. Manche klammern sich über 30 Stunden an Bäume oder liefern sich Auseinandersetzungen mit der Polizei. Sie machen all das für ein relativ kleines Stückchen Grün – für eine „Gstätten“, sagen einige. Warum glaubst du, machen das die Menschen, die du in deinem Film porträtierst?

Doris Kittler: Wie so oft bei solchen Protesten ging es – auf den ersten Blick – „nur“ um ein paar Quadratmeter. Auch bei den Debatten um die Kaiserwiese heißt es aktuell seitens der BezirkspolitikerInnen oft: Geht’s halt woanders hin, im Prater gibt’s doch eh so viel Platz. Man könnte aber auch umgekehrt die Frage stellen: Warum muss man gerade jenes Stückchen Wiese, das bis jetzt allen zur freien Nutzung zugänglich war, zu Gunsten neuer Konsumräume vernichten, indem man ein umzäuntes Schlammloch daraus macht?

So war das auch beim Augartenspitz. Als die Anlage im Barock gebaut wurde, war dieser Zugang zu den Gartenanlagen perfekt konzipiert. Aber schon vor den Umbauplänen waren dieser Bereich und auch das Palais der Öffentlichkeit nicht zugänglich – schon seit jeher eine falsche Entscheidung, weil das Areal eigentlich allen BürgerInnen offen stehen sollte. Es stellte sich also die Frage: Warum soll der Ort für ein (privates) Veranstaltungszentrum der Wiener Sängerknaben freigegeben werden? Warum ist es nicht möglich, einen anderen Ort für den Gebäudekomplex zu finden, etwa am nahegelegenen ehemaligen Nordbahngelände?

Hans Christian Voigt: Es ging um mehr als den Erhalt einer historischen Anlage. Die Bäume am Augartenspitz waren nicht nur „schön“, sondern auch im Rang von Naturdenkmälern. Für AnrainerInnen war der Augartenspitz Erholungsraum und im Zuge des Widertsands wurde er in erster Linie zu einem bedeutenden Freiraum.

Doris Kittler: Der Begriff Gstätten ist ohnehin nicht nur negativ besetzt, sondern hat durchaus auch etwas Positives. Solche Freiräume, solche Orte brauchen die Menschen und die Stadt. Ob es ein Stück Grün ist, oder einfach ein unbespielter Platz – aber eben keine weitere „Kulturabfüllstation“. Dieses Feedback bekomme ich auch oft im Rahmen der Publikumsdiskussionen nach den Filmvorführungen.

Ich habe mich damals dem Protest angeschlossen und ihn mit der Kamera begleitet, weil die Leute diese Lust am Protest gehabt haben. Sie haben gemerkt, da geht’s nicht nur um etwas, das ich beschützen muss. Sie wurden auch mitgerissen von der Idee eines Menschen, der mit diesem Ort verbunden ist. Raja ist eine Künstlerin, die sich seit Langem auf eine sehr spezielle Weise mit dem Barock beschäftigt. Bei diesem Protest benutzt sie ihr Talent und ihre Kunst, um gegen eine sogenannte linke Stadtregierung zu kämpfen. Um darauf aufmerksam zu machen, dass ein Kaiser, ausgerechnet ein Kaiser, einmal dem Volk diesen Raum freigegeben hat – und der diesem jetzt von einem sozialdemokratischen Bürgermeister wieder weggenommen wird, um einem millionenschweren Privatsponsor zu helfen, sich ein Denkmal zu setzen – wie absurd! Das war der entscheidende Grund, warum so viele Leute Lust hatten, sich zu verkleiden – um zu zeigen: Wir wollen diesen Garten dafür nutzen, wofür er seit jeher vorgesehen war.

Lisa Sinowatz: Du hast die zentrale Figur der Proteste angesprochen – die Anrainerin und Künstlerin Raja Schwahn-Reichmann. Euer Protest trägt – im wahrsten Sinne des Wortes – ihre kreative Handschrift. Sie wird im Film als „bürgerlich, aber auch anarchistisch“ bezeichnet. Es scheint insgesamt stark darum zu gehen, Bestehendes zu erhalten. Würdest du den Augarten-Protest als einen bürgerlichen bezeichnen?

Doris Kittler: Ist es bürgerlich, sich tagelang auf Bäume zu setzen, um sie zu schützen? Ist es bürgerlich, Plätze mit Zelten zu besetzen, um sie vor der Bebauung zu retten? Die AktivistInnen haben sehr unterschiedliche Hintergründe. Sehr oft haben uns Punks oder Leute aus dem autonomen Bereich unterstützt – und es haben sich viele mit uns solidarisiert, die normalerweise gar nicht politisch aktiv sind. Ich würde sagen, dass der Protest überhaupt nicht bürgerlich war. Für mich sind die Begriffe links und rechts mittlerweile zwar nicht obsolet geworden, aber in gewisser Weise doch sehr aufgeweicht. Auch in den Publikumsdiskussionen nach dem Film zeigt sich oft, dass eine politische Einordnung immer schwieriger wird. Ich glaube einfach, alle Menschen merken: Jetzt geht’s an die Substanz. Egal, aus welchem Lager ich komme.

Hans Christian Voigt: Von den HauptaktivistInnen, die den Protest getragen haben, kann man sagen, dass diese aus unterschiedlichen Zusammenhängen gekommen sind. Was meint der Begriff „bürgerlich“? Klein-, groß-, bildungsbürgerlich? Es wurden damals 15.000 Unterschriften gesammelt, allein diese Größenordnung zeigt: der Protest muss von übergreifender Qualität gewesen sein. Erhellend ist auch der Blick auf die Arbeitsteilung. Da gab es die Gruppe jener, die versuchten, Kontakte zu prominenten Personen zu aktivieren, damit diese der Sache als UnterstützerInnen öffentlich Gehör verschaffen. Andere – und das waren notgedrungen welche mit bildungsbürgerlichem Background – haben wiederum ihr juristisches Wissen eingebracht, wo immer es um rechtliche Fragen, Bescheide oder Ähnliches ging. Die Arbeitsteilung schließt einige ein, die vielleicht gar nicht so oft selber vor Ort, aber doch Teil des Protests waren und etwa die Medienarbeit bzw. Medienbeobachtung übernahmen. Dann gibt es handwerklich arbeitende Personen, die etwas anfertigen, das gebraucht wird, oder z.B. eine Grafikerin, die Flyer herstellt. Aber eben auch AktivistInnen aus anderen Zusammenhängen, von anderen Orten, die sich auch am Augartenspitz einbringen. Ein Beispiel, das auch der Film zeigt, sind z.B. AktivistInnen, die vom Augarten zum besetzten Audimax fahren. Es gab einige Überschneidungen zwischen den Besetzungen am Augartenspitz und dem Audimax, im Rahmen von #unibrennt.

Benjamin Opratko: Der Film präsentiert den Protest nicht nur als in seiner Form außergewöhnlich, sondern zugleich als Symbol für etwas Größeres. Wo seht ihr denn die Parallelen zu anderen Protesten?

Hans Christian Voigt: Ich ziehe z.B. Vergleiche zu #unibrennt oder der Puerta del Sol. Diese Proteste sind alle per se super-unwahrscheinlich – ein Bruch der Konventionen, eine Ausnahmesituation gegen jede herrschende gesellschaftliche Logik. Trotzdem gibt es hier wie dort Punkte, wo der Protest über den singulären Moment hinausgeht, im Fall des Augartenspitz auch dank und mittels der Kreativität, und über die Ausnahmesituation hinaus weiterlebt. Das Widerstandszelt geht jetzt schon ins fünfte Jahr, #unibrennt hat bis heute nicht wenige Spuren hinterlassen. Das Sich Wehren und wie wir uns wehren, das wird zur Kultur. Das Initialmoment des Empörens, des Aufstehens, das kann verschiedene individuelle Hintergründe haben. Was am Anfang sehr vieler Proteste steht: dass der Druck der Konventionen so stark wird, dass man ihm nicht mehr folgt und die Reproduktion der Konvention sprengt, sich befreit.

Nur in wenigen Fällen kommt es freilich zur nächsten Stufe, nämlich den Ansätzen von Organisation. Hier ist es ein Glücksfall, wenn ein Sich Organisieren zu einer Gruppe führt, die in sich mit ihren Talenten und ihrer Art zu kommunizieren möglichst große Bereiche abdecken und zusammen eine kritische Masse bilden kann, zu einer schlagfertigen und konfliktfähigen Truppe. Es ist wichtig, dass solche Gruppen zu einer gemeinsamen Sprache, einer Umgangsform finden, die nicht von außen zermürbt werden kann. Denn in dem Moment, in dem Menschen aufstehen, wird es sehr schnell gehen, dass sie von den Mühlen der Gesellschaft zermahlen werden – sie werden angegriffen von der Umgebung, der Presse, Politik, Verwaltung, etc. Darum kommt es zu derartigen Protesten, die über so lange Zeit andauern, eher selten.

Die Belastung während eines Protestes kann enorm anstrengend sein. Deshalb ist es wichtig, ihm eine Form zu geben, in der man emotional nicht so kaputt wird, dass man der Giftigkeit unterliegt und zu hassen beginnt. Vielmehr geht es darum, den Spieß gegen die, die zermürben, umzudrehen und sie mit einer Art Kommunikationsguerilla-Zugang dazu zu bringen, sich ihrerseits zu unsouveränen Reaktionen hinreißen zu lassen.

Doris Kittler: Genau. Dieser Widerstand zeichnet sich vor allem durch die Art und Weise, wie er umgesetzt wurde, aus – Ästhetik, Humor und Ironie spielten eine wichtige Rolle. Ansonsten denke ich, dass bestimmte Prozesse, die typischerweise bei Protesten passieren, überall auf der Welt gleich ablaufen. Zum Beispiel die Beschneidung der Pressefreiheit: Dass Menschen, die Proteste dokumentieren, filmen oder fotografieren, vom Ort des Geschehens ferngehalten oder weggebracht werden. Das ist natürlich illegal und wird überall auf der Welt gemacht. Auch Korruption, Amtsmissbrauch und die Aushebelung anderer Gesetze, etwa im Denkmal- oder Naturschutz, sind ja allgegenwärtig. Ebenso, dass BürgerInnen angelogen werden, oder sich seitens der Behörden bei Kritik niemand zuständig fühlt. Man wird ständig weitergeschickt, bis man irgendwann keine weitere Energie mehr investieren kann oder auch will.

Lisa Sinowatz: Braucht der Mensch mehr Zeit und Kraft, um sowohl sein eigenes als auch, gemeinsam mit anderen, das gesellschaftliche Leben zu gestalten?

Doris Kittler: Absolut. Jeder läuft in seinem Rädchen, hat so viel zu tun. Wir sind letztlich die SklavInnen unserer eigenen Bedürfnisse, die de facto stark von Werbung, Medien und dem Turbokapitalismus im Allgemeinen motiviert sind. Ohne Raum und ohne Zeit, ohne diese Ressourcen der einzelnen Personen kann es keine demokratischen Prozesse geben, keine Bildung, kein Glücklichsein. Ich glaube, dass das immer mehr aus dem Bewusstsein verschwindet, ohne dass wir es bemerken.

Lisa Sinowatz: Doris, dein Dokumentarfilm zeigt auch auffällig viele ältere Menschen unter den AktivistInnen. Für einige von ihnen war dieser Protest eine völlig neue Erfahrung. Haben sich diese Menschen in der Folge auch in anderen Zusammenhängen eingesetzt?

Doris Kittler: Ältere Menschen, aber auch StudentInnen, hatten es aufgrund der Zeitressourcen etwas leichter als andere, aktiv zu werden. Deshalb waren es auch viele ältere Leute, die sich am Protest beteiligt haben – darunter viele, die schon ihr Leben lang politisch aktiviert waren. Dora Schimanko ist jetzt z.B. 84 und mischt sich immer noch ein. Es gibt einfach Leute, die machen immer weiter. Ich glaube also schon, dass Menschen durch Protesterfahrungen lernen. Als die Konzerthalle gebaut und das gemeinsame Ziel nicht mehr da war, hat natürlich auch die Gruppendynamik und das Zusammengehörigkeitsgefühl gelitten. Andererseits könnten wir theoretisch jederzeit wieder auf diese Ressourcen zurückgreifen. Jetzt gibt’s Einzelne, die sich weiter engagieren, und die Initiativen sind viel besser vernetzt. Meine Filmarbeit kann hier hoffentlich auch etwas beitragen. Viele ZuseherInnen haben mir schon bestätigt, dass sie der Kinobesuch motiviert hat, selber aktivistisch tätig zu werden. Das freut mich natürlich sehr. Wir werden auch versuchen, den Film im Ausland zu zeigen, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Hans Christian Voigt: Ich denke auch: Der Film ist ein Beitrag, die Erfahrungen und Erkenntnisse weiterzutragen. Es gilt für viele, auch für mich, das gewonnene know how an andere weiterzugeben. Das sind oft scheinbar banale Dinge, wie z.B. die Frage danach, wie man mit Ermüdung umgeht – Stichwort Burnout und dergleichen. Egal, ob auf individueller Ebene, als Gruppe oder Organisation. Eine zentrale Erfahrungsdimension im Aktivismus betrifft die Regierungstechnik der Demütigung, der alle laufend ausgesetzt sind: auch dagegen muss man sich Freiräume erarbeiten. Das ist eine Erfahrung, die das Engagement in Protesten nachhaltig für den einzelnen Menschen bringen kann – und damit auch für seine Umgebung.

Doris Kittler ist Fotografin und Filmemacherin in Wien. Ihr Film „Auf den Barockaden“ ist in ausgewählten Kinos und im März auch beim Filmfestival DIAGONALE zu sehen.

Hans Christian Voigt ist Soziologe aus Wien mit besonderem Interesse für Bedingungen der Dissidenz in sozialen Systemen. Ihr könnt ihm auf Twitter folgen oder sein Blog besuchen.

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