Mit Kernenergie gegen den Klimawandel – erlebt die Atomkraft in Europa eine Renaissance?

Die Atomindustrie präsentiert Kernkraft als Lösung für die Klimakrise. In Frankreich rudert Emmanuel Macron bei der geplanten Reduktion der Atomkraft zurück, Großbritannien und Ungarn bauen neue Meiler. Feiert die gefährliche Technologie gerade ein Comeback? Eine Analyse von Adam Pawloff.

Eigentlich schien das Schicksal der Atomenergie in Europa besiegelt. Deutschland kündigte nach der Katastrophe von Fukushima den Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 an.

Frankreich beschloss 2015 ein umfassendes Energiewendegesetz, das die Senkung des Anteils der Atomkraft an der Stromerzeugung bis 2025 von 75 auf 50 Prozent vorsah. Dieses Ziel hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nun relativiert: Die Reduktion wird doch erst 2030 oder 2035 passieren.

Gefahr über Generationen

Die Debatte rund um Kernenergie ist keine neue. Spätestens seit dem Super-GAU in Tschernobyl 1986 ist ein Bewusstsein für die massive Gefahr entstanden, die von Atomkraft ausgeht. Regelmäßige Auseinandersetzungen um den Transport von radioaktiven Abfällen in Lagerstätten verdeutlichen die generationenübergreifende Gefahr durch Atommüll.

Fakt ist, dass Katastrophen in AKWs immer wieder passieren. Fukushima war der jüngste Beweis dafür. Fakt ist auch, dass Atommüll über mehrere hunderttausend Jahre strahlt. Eine sichere Lagerstätte kann es nie geben.

Atomkraft als Klimaretter?

Doch jetzt wird eine neue Debatte entfesselt. Sie dreht sich um die Frage, ob Atomenergie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Bereits vor der Klimakonferenz in Paris hat die Atomindustrie nicht nur versucht, Kernenergie als Klimaschutzlösung zu präsentieren, sondern auch aktiv dafür plädiert, Atomprojekte mit internationalen Klimaschutzmitteln zu finanzieren.

Es stimmt zwar, dass Atomenergie deutlich weniger Emissionen verursacht als die Verbrennung von Kohle, Öl oder Gas. Doch diesen Vorteil haben Sonnenenergie, Wind- und Wasserkraft ebenfalls. Angesichts der Gefahr, die von Atomkraft ausgeht, ist diese Debatte jedenfalls reichlich absurd.

Ökonomischer Unsinn

Selbst wenn wir von den Gefahren absehen könnten, sprechen zwei Gründe ganz klar für die Nutzung erneuerbarer Energien und gegen Atomkraft:

  • Windenergie (30-60 US-Dollar pro Megawattstunde), Kleinwasserkraft (59-89 Dollar) und Photovoltaik in Großanlagen (43-53 Dollar) kosten mittlerweile deutlich weniger als Atomenergie (112-183 Dollar).
  • Der Bau eines AKWs dauert in der Regel mindestens ein Jahrzehnt, oft länger. Diese Zeit haben wir nicht, wenn wir die Emissionen im Sinne des Klimaschutzes rechtzeitig senken wollen. Selbst wenn Genehmigungsverfahren miteinberechnet werden, geht die Errichtung von erneuerbaren Energieanlagen um ein vielfaches schneller.

Das heißt, dass jeder in erneuerbare Energie investierte Euro bis zu drei Mal so viel Ertrag an sauberem Strom bringt, und das deutlich schneller. Darüber hinaus verdrängt jede Investition in Atomenergie ein potentielles Investment in erneuerbare Energie.

Atomenergie rechnet sich nicht

Zum Glück sind Initiativen wie „Don’t nuke the climate“ bei den Weltklimakonferenzen vor Ort um gegen die Berücksichtigung von Atomenergie bei der Klimapolitik und -finanzierung zu protestieren. In der EU gehen die Bedeutung und der Anteil an Atomenergie im Energiemix langsam zurück. Obwohl die Energieproduktion in der EU seit 1990 deutlich gestiegen ist, ist die Menge an Atomstrom relativ stabil geblieben. Mit dem Ausstieg Deutschlands und – wenn auch mit Verzögerung – Frankreichs, wird der Anteil an Atomenergie in den kommenden Jahren signifikant sinken.

Das hat neben ökologischen auch finanzielle Gründe. In den 1950 Jahren meinte Lewis Strauss, damaliger Chef der Atomenergiekommission, dass Atomenergie eines Tages „too cheap to meter“ sein werde – also so billig, dass es sich nicht einmal auszahlt, ihren Verbrauch zu messen. Tatsächlich ist genau das Gegenteil eingetreten, wie die US-amerikanische „Union of Concerned Scientists“ gezeigt hat. Atomenergie ist heute „too expensive to finance“ – zu teuer, um sie noch zu finanzieren.

Steuergeld für Atomindustrie

Dennoch gibt es Staaten in der EU, die nach wie vor an einem Ausbau der Atomenergie festhalten. Großbritannien plant den Bau des AKWs Hinkley Point C. Um Investoren für das Projekt zu gewinnen, musste die Regierung eine 30-jährige Preisgarantie abgeben, die das Doppelte des derzeitigen Strompreises ausmacht.

In Ungarn will die Regierung den Standort Paks erweitern. Dafür muss ein 10 Milliarden schwerer Kredit von Russland aufgenommen werden. Doch dieser Kredit kann durch den laufenden Betrieb des Kraftwerks nicht ausreichend bedient werden. Laut einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie müssten ungarische SteuerzahlerInnen das Projekt mit bis zu 920 Millionen Euro pro Jahr subventionieren.

Vorreiter Österreich

Beide Projekte sind also ohne massive staatliche Subventionen nicht machbar. Der Staat Österreich sieht das ähnlich und hat gegen die Entscheidung der Europäischen Kommission, den Bau von Hinkley Point C zu genehmigen, beim Europäischen Gerichtshof geklagt. Der Grund: Massive Bedenken wegen illegaler staatlicher Beihilfen. Laut Regierungsangaben wird eine ähnliche Klage beim ungarischen Projekt Paks II folgen. Schützenhilfe erhält Österreich in beiden Fällen von Luxemburg.

Auch wenn Macron den unweigerlichen Untergang der Atomkraft verzögert, wird dieser kommen. Wird die Zukunft der Atomenergie in Europa nicht im Gerichtssaal besiegelt, so wird die Frage über kurz oder lang am Markt entschieden. So oder so wird Greenpeace weiterhin für ein Ende des atomaren Zeitalters kämpfen. Und der Staat Österreich nimmt, wie schon vor 40 Jahren im Falle von Zwentendorf, eine Vorreiterrolle ein.

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